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Bernd A. Laska
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1. Januar 2012: Ein früher Stulpe

1. Januar 2012: Ein früher Stulpe


Im Herbst 2011 annoncierte Gerd B. Achenbach, ein Pionier der "Philosophischen Praxis" in Deutschland, auf seiner Netzpräsenz (www.achenbach-pp.de) einen im Rahmen seiner regulären Freitagsveranstaltungen außergewöhnlichen Vortrag (am 28. Oktober 2011):

Gerd B. Achenbach: Der perfekte, grundstürzende, bekennende Egoismus
oder: die beklemmend gegenwärtige Philosophie des Max Stirner

Stirners Der Einzige und sein Eigentum, ein Ausnahmewerk, 1844 erschienen und zunächst der Zensur verfallen, ist ein philosophischer Sonderfall, der sich pointiert mit einem Bonmot Adornos kurzfassen lässt: Stirner sei der einzige, der wirklich "den Hasen aus dem Sack gelassen" habe.

Tatsächlich hat dieser ungewöhnliche Denker mit gründlicher Rücksichtslosigkeit - nebenbei bemerkt: stilistisch brillant und vergnüglich - ausgeplaudert, wie heute von "unten" (vom Punk und Chaoten) bis "oben" (in den besseren Etagen der Wirtschaft) gedacht, respektive gehandelt wird. Kurz: Man muss wohl Stirner verstanden haben, um unsere Welt zu verstehen.

Diese Auffassung vertrat Achenbach schon 1981 in seiner Dissertation:
"Doch weder Feindschaft noch Ergebenheit, denn beide sind sie blind, vermögen die Bedeutung STIRNERs zu erkennen.
Beiden aber -- den über ihn Entrüsteten wie seinen Jüngern -- ist gemein, dass sie den Gedanken STIRNERs sei es mit dem Makel sei es mit der Aura einer Einzigartigkeit verbanden, eines Ausserordentlichen, Unerhörten.
Die Bedeutung STIRNERs ist jedoch gerade umgekehrt, dass das, was er gelehrt, zum Teil gefordert hat, banal geworden ist.
Aufregend an seinem Werk ist dies, dass es inzwischen alle Sprengkraft eingebüsst hat, dass sein Gedanke platte Wirklichkeit geworden ist..."

Bemerkenswert sind solche Aussagen immer wieder, weil ihre Autoren ihren Verdruss bzw. ihre (kaschierte) Verzweiflung über die aktuelle geistige Verfassung des Westens, der die "Aufklärung" längst hinter sich zu haben meint, indirekt zu artikulieren versuchen, indem sie ausgerechnet auf Stirner verweisen -- und nicht auf jene beiden Denker, die die Epoche tatsächlich geprägt haben: Karl Marx und Friedrich Nietzsche. Denn deren durchschlagender Erfolg, ihre unerhörte Wirkmächtigkeit, beruhte - das ist meine These im LSR-Projekt - im Wesentlichen darauf, dass sie ihre Philosophien in und zur Abwehr der Stirner'schen Gedanken geschaffen haben. Und nun soll Stirner auf einmal, wie Alexander Stulpe kürzlich in einem 1000-seitigen Werk (siehe auch hier) darzulegen versuchte, "ubiquitär" sein, soll sein Gedanke, wie Achenbach vor 30 Jahren sagte, "platte Wirklichkeit geworden" sein? Er soll in der Biedermeierzeit "ausgeplaudert" haben, wie man hier und heute, in allen Schichten der Gesellschaft, denkt und handelt?

Offenkundig unterstellt man Stirner, er habe den heute verbreiteten Vulgäregoismus und -individualismus propagieren wollen. Aber warum diese Unterstellung? Das Muster kennt man schon von Hans G. Helms. Der hatte 1966 in seinem Buch Die Ideologie der anonymen Gesellschaft Stirner zum Protofaschisten erklärt, dessen unheilvoller Einfluss noch in der Adenauer-Republik fortwirke. Auch hier war, wie bei Achenbach und Stulpe, nicht klar, was wodurch verteufelt werden sollte: die aktuelle Situation durch ihre Ursprünge bei Stirner oder Stirner, den man an den Früchten seiner Gedankensaat erst richtig erkennen könne.

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