L S R
ein paraphilosophisches Projekt
nicht in der Zeit, aber -- an der Zeit

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Aus: Raimund Dehmlow & Gottfried Heuer, Hg.: 3. Internationaler Otto-Gross-Kongress,
Ludwig-Maximilians-Universität, München. Marburg: LiteraturWissenschaft.de 2003, S. 125-162
ISBN 3-936134-06-5


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Otto Gross
zwischen
Max Stirner und Wilhelm Reich

von Bernd A. Laska


1. Einleitung und Zusammenfassung
2. Zur Frage der Aktualität von Otto Gross
3. Wie Otto Gross (wieder-)entdeckt wurde
   3.1 Das Buchprojekt von Heilmann/Viesel
   3.2 Martin Green: »Else and Frieda«
   3.3 Emanuel Hurwitz: »Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung«
   3.4 Josef Dvorak: »Kokain und Mutterrecht«
   3.5 Jennifer Michaels: »Anarchy and Eros«
   3.6 Kurt Kreilers Otto-Gross-Edition
   3.7 Russell Jacobys "Verdrängung"
4. Wie Otto Gross vergessen (gemacht) wurde
   4.1 Von Psychoanalytikern
     4.1.1 Sigmund Freud
     4.1.2 Sándor Ferenczi
     4.1.3 Carl Gustav Jung
   4.2 Von Staatstheoretikern
     4.2.1 Von Max Weber
     4.2.2 Von Carl Schmitt
   4.3 Von Anarchisten und Literaten
     4.3.1 Diverse Schriftsteller
     4.3.2 Gustav Landauer
     4.3.3 Fritz Brupbacher
     4.3.4 Erich Mühsam
     4.3.5 Franz Jung
5. Kannte Otto Gross Max Stirner ?
6. Kannte Wilhelm Reich Max Stirner / Otto Gross ?
7. Der "Imperativ der Zukunft": super-ego esse delendum!

Anmerkungen


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1. Einleitung und Zusammenfassung

Seit Otto Gross (1877-1920), ein früher Psychoanalytiker, der schon bei seinem Tod so gut wie vergessen war, in den achtziger Jahren (wieder-)entdeckt wurde, ist erstaunlich viel über ihn geschrieben worden; (1) ausserdem hat sich eine aktive "Internationale Otto-Gross-Gesellschaft" gebildet (www.ottogross.org), die im März 2002 bereits den 3. Internationalen Otto-Gross-Kongress abgehalten hat. Da stellt sich die Frage, "was denn heute an Otto Gross noch zündet." (2) Dieser Frage - worin könnte die Aktualität von Gross heute bestehen ? - gehe ich (in Kap. 2) nach, bevor ich (in Kap. 3) die wichtigeren der einschlägigen Publikationen daraufhin durchsehe, ob sie diese Frage stellen und ggf., wie sie sie beantworten. Das Ergebnis dieser Durchsicht erscheint mir nicht befriedigend, und zwar vor allem, weil stets nur sog. Einflüsse - nachweisbare, vermutete oder verborgene - genannt werden, die Gross auf diesen oder jenen Zeitgenossen gehabt habe. Keiner der Autoren stellt die nächstliegende Frage, aus welchen Gründen Gross, der heute ihnen selbst und ihren Lesern als interessant und aktuell erscheint, über die Strecke von fünf bis sechs Jahrzehnten völlig vergessen gewesen ist. Diese Frage führt (in Kap. 4) zur Untersuchung der Methoden und Mechanismen, mit denen Gross einst von seinem Umfeld - vor allem von den Psychoanalytikern Freud und Jung sowie von Anarchisten und Literaten der Bohème - zurückgewiesen und weitgehend diskussionslos zur Unperson gemacht wurde; und zur Frage nach den zwar meist nicht genannten, z.T. aber erschliessbaren Motiven.

An dieser Stelle ergibt sich der Nexus zu den im Titel genannten Autoren Max Stirner und Wilhelm Reich, und zwar, weil diese ebenfalls und letztlich aus ein und demselben Grund zu Unpersonen gemacht worden sind. Stirner (1806-1856) und Reich (1897-1957) haben zwar im Abstand von einem Jahrhundert in sehr verschiedenen historischen Kontexten gelebt und dementsprechend Werke geschaffen, die sowohl untereinander als auch mit dem Gross'schen Werk schwer vergleichbar sind. Ihnen gemein ist jedoch eine bestimmte Kernidee, die ihren Intentionen zu Grunde lag. Sie wurde von ihnen nur unzureichend ausgearbeitet und ist deshalb nur durch äusserste Abstraktion von allen zeit-, geistes- und lebensgeschichtlich bedingten Bestandteilen ihrer Werke zu gewinnen. Diese Idee war es, die von den Zeitgenossen gewittert wurde und bei den empfänglichsten unter ihnen massive Abwehrreaktionen provozierte. Die Galionsfiguren der jüngeren Aufklärung verdankten ihre Popularität primär dieser Abwehr: ausgerechnet Marx und Nietzsche haben - ohne sich auf einen Argumentenstreit einzulassen - den konsequenten Aufklärer Stirner "ver-

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drängt", "überwunden" und zur Unperson gemacht; und ausgerechnet Freud hat - ohne ein publiziertes Argument - die konsequenten Aufklärer Gross und Reich zu Unpersonen gemacht. Die Erhellung dieser in ihren grundsätzlichen Motiven und Methoden übereinstimmenden Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichten scheint mir die vordringlichste Aufgabe einer wahren "Aufklärung über die Aufklärung" zu sein, will man das einst grosse, seit Jahrzehnten aber paralysierte Projekt der Moderne zu neuem Leben erwecken. (vgl. dazu mein LSR-Projekt: www.lsr-projekt.de). (3)

Damit ist in gröbsten Zügen umrissen, in welchen Rahmen ich vorliegende Arbeit stelle. Sie enthält, dem Rang des Rahmenproblems gemäss, nur Vorstudien. Diese sollen dazu beitragen, das Sensorium für die wahre Aktualität von Gross im genannten Sinne zu schärfen. Ich ignoriere deshalb die oft betonten Antizipationen und Einflüsse Gross' - denn die sind längst kulturell integriert - und konzentriere mich auf einen Sachverhalt, der bisher meist nicht gesehen oder übergangen wurde: dass die meisten der Autoren, die sich einmal für Gross interessiert haben, besonders jene, die Gross' zentrales Anliegen, seine Kernidee, offenbar zu erkennen oder zu spüren vermocht haben, mit Abwehr reagierten; dass sie sie im Keime ersticken zu müssen glaubten (Kap. 4). Die Frage nach ihren tieferen Gründen werde ich gelegentlich ventilieren; eine plausible Antwort ist freilich nur in grösserem Zusammenhang zu geben.

Gross selbst hat sich ideengeschichtlich nicht klar zu verorten versucht. Er sah sich manchmal in der Nachfolge Nietzsches, ohne z.B. dessen (und sein eigenes! - s. Kap. 5) prekäres Verhältnis zu Stirner zu bedenken. Er sah sich auch als einen, wenn auch kritischen Schüler Freuds, ohne zu bemerken, dass dieser ihn klar als seinen Antipoden betrachtete. Er nannte sich Anarchist, ohne darüber zu stutzen, dass die meisten Anarchisten seine "stirnerianische" Einstellung nicht teilten. Zu Stirner indes hat er sich nur auf eine merkwürdig verhüllte Weise bekannt. Diese Fragen erörtere ich in Kap. 5, allerdings notgedrungen ebenso wenig erschöpfend wie in Kap. 6 Fragen, die Reichs Verhältnis zu Gross und Stirner betreffen. Abschliessend, im Kapitel 7, umreisse ich unter der Formel "super-ego esse delendum" jene ominöse oben genannte und im weiteren Text gelegentlich wieder auftauchende "Kernidee" und deren unterschiedlich prägnante Ausformulierungen bei Stirner, Gross und Reich.

2. Zur Frage der Aktualität von Otto Gross

Die Frage, auf die der Titel dieser Arbeit antwortet, nämlich, ob Otto Gross ideengeschichtlich zwischen Max Stirner (1806-1856) und Wilhelm Reich (1897-1957) zu positionieren sei, scheint leicht beantwortbar zu sein und wurde auch verschiedentlich längst beantwortet, stets mit einem Ja zu dieser oder jener Hälfte hin oder zu beiden: Stirner als Vorläufer und/oder Reich als Nachfahre von Gross. Doch die mir

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bekannten Begründungen der Antworten erscheinen mir nicht befriedigend. Sie beruhen meist auf den gängigen und sehr allgemeinen, entsprechend verschwommenen und vielfach ausgesprochen falschen Vorstellungen von diesen drei Figuren: grob gesagt, von Stirner als Prophet des Anarchismus (manchmal in einem Atem mit einem seiner Gegner, z.B. Kropotkin, genannt), von Reich als Propagandist der sog. sexuellen Revolution (manchmal in einem Atem mit einem seiner Gegner, z.B. Sigmund Freud oder Herbert Marcuse, genannt) und von Gross als jemandem, der mehr oder weniger dazwischen oder irgendwie für beides steht. Damit - und angereichert mit einigen lebensgeschichtlich bedingten Bezügen Gross' zu Bohème, Dadaismus, Expressionismus - wäre Gross, der als letzter dieser drei zeitweilig Verschollenen wiederentdeckt wurde, einigermassen klassifiziert, historisch verortet und könnte, wie früher bereits Stirner und Reich, ad acta  gelegt werden.

Denn Anarchismus und sexuelle Revolution gelten heute allgemein als Anachronismen. Unabhängig davon ist auch ideengeschichtlich - freilich ganz am Rande - fest etabliert: Stirner wurde schon im 19. Jahrhundert von Marx und/oder Nietzsche überholt und antiquiert; Reich, wenn man ihn überhaupt erwähnt, spätestens in den 70er Jahren - nachdem er um "1968" für ein paar Jahre in Mode gewesen war. Demzufolge wäre auch mit Gross zwischen Stirner und Reich heute nicht mehr viel anzufangen. Seine Biographie kann erhellt, ihm möglicherweise widerfahrenes Unrecht benannt werden. Ein auf diese Weise ausgegrabener Gross könnte schliesslich einen Platz in den Annalen einnehmen, der marginaler noch ist als der von Stirner oder Reich. Die drei lägen auf jeden Fall weit abseits von ihren triumphalen Opponenten Marx, Nietzsche, Weber oder Freud; und noch weiter abseits von den gegenwärtig dominierenden weltanschaulich-philosophischen Denkströmungen, weit ausserhalb des zu Recht auch in Deutschland so genannten mainstream.

Bei vielen Autoren, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten über Gross geschrieben haben, ist jedoch mehr oder weniger deutlich zu spüren - oft nur zaghaft zwischen den Zeilen oder aber in einigen gleichsam aufflackernden Worten bzw. Sätzen -, dass sie aus den Schriften von Gross unterschwellig etwas aufnehmen, das sie eigentlich nicht als etwas Marginales, Antiquiertes empfinden möchten: eine begeisternde Idee, über die die Geschichte zwar hinweggegangen ist, die ihnen, den Gross-Enthusiasten, aber als unaufgebbar erscheint - und somit auch heute noch aktuell. Diese befeuernde, an den Nerv des Menschseins rührende Idee, der Gross sich in einer Reihe von kurzen Artikeln immer wieder zu nähern versuchte - etwa unter dem Titel »Vom Konflikt des Eigenen und Fremden« - ist offenbar so schwer fassbar, dass sie auch den modernen Autoren stets entgleitet oder, bei der Auslegung von Gross-Zitaten, ungewollt mehr oder weniger als banal erscheint. Gleichwohl bleiben Fragen virulent: Ist Gross' Anliegen durch die Entwicklung der Psychoanalyse - oder anderer psychologischer Schulen - wirklich inzwischen "integriert"? Oder zurückgewiesen, antiquiert, erledigt? Hat der oft genannte Wilhelm Reich sie aufgenommen? Ist Reich 1934 dessentwegen von Freud mit dem gleichen Bann belegt worden wie 1908 Gross? Ist es überhaupt möglich, dass Gross' Idee nach der unge-

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heuren Expansion nicht nur der Psychologie, sondern aller Wissenschaften im 20. Jahrhundert noch in einem einigermassen klar artikulierbaren Sinn aktuell ist?

Damit sei angedeutet, auf welch schwieriges Terrain sich begibt, wer heute ernsthaft meint, Gross als "aktuell" darstellen zu können. Er bekommt es zunächst mit Freud zu tun, der seinen Schüler Gross zwar einmal hoch gelobt, ihn aber bald taktisch klug und mit strategischer Effizienz zu einer Unperson der Psychoanalyse gemacht hat. Warum Freud dies gelingen, auf welches stillschweigende Einverständnis er dabei zählen konnte, das lässt sich an seinem viel detaillierter belegbaren, gleichwohl bis heute nicht voll aufgedeckten Meistercoup gegen Reich studieren. Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen Gross und Reich: das Faktum, dass der Aufklärer Freud in diesen beiden, die sich ebenfalls als Aufklärer verstanden, mit einem besseren Gespür als diese selbst seine Antipoden erkannte - die er nicht argumentativ, sondern, gegen sein hochgehaltenes Ethos, "politisch" bekämpfte - verweist auf etwas nur ihnen Gemeinsames, das für eine Aktualisierung von Gross fruchtbar gemacht werden muss, auch wenn Freud selbst inzwischen nicht mehr aktuell ist - ja, eigentlich gerade deshalb.

Die Stellung, die Gross zu Freud und zur Psychoanalyse einnahm, ist, da er sich meist positiv auf sie bezieht, problematisch; problematischer noch ist aber sein Bezug zum Anarchismus. Hatte die Freud'sche Psychoanalyse einen - freilich stets auch bestrittenen - Status als Wissenschaft, so war der Anarchismus eine politische Ideologie in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Beide "Bewegungen" hatten kaum Berührungspunkte. Gross aber wollte die prinzipielle Dichotomie Wissenschaft/Ideologie nicht akzeptieren (vgl. Kap. 4.2.1). Er hatte die Vision eines "Neuen Menschen", der zu einer wissenschaftlichen Weltsicht und zu einer ihr gemässen Lebensführung fähig ist; er wollte die Erkenntnisse der Psychoanalyse für die Heranbildung von Menschen nutzbar machen, die in der Lage sein würden, in einer anarchistischen Ordnung zu leben. Gross strebte also in radikaler Weise das Ideal einer Gesellschaft der Aufgeklärten an (vgl. dazu auch seine "nietzscheanischen" Ansichten über die "Degenerierten"), nicht deren sozialistische, liberalistische, sozial-liberalistische oder sonstige Kümmerformen, die die Paralyse des Projekts der europäischen Aufklärung hervorgebracht hat. Diese Vision ist heute, unter der erdrückenden geistigen Hegemonie des "pluralistischen" Liberalismus, der sich vollends "aufgeklärt" und am "Ende der Geschichte" dünkt, kaum jemandem noch verständlich.

Der Theoretiker, auf den Gross sich für diese radikal aufklärerischen Intentionen hätte beziehen können, wäre Max Stirner gewesen. Wenn Gross dies aber nicht tat, so lag das gewiss nicht nur daran, dass Stirner bei den Anarchisten, denen Gross sich anschloss (z.B. Erich Mühsam, s. Kap. 4.3.4) nicht gelitten war, sondern ganz allgemein an der Zerfahrenheit seines Lebens, die eine längere intensive Besinnungsphase nicht zuliess. Deshalb kam er nie so weit, Stirners Spezifität herauszuarbeiten und damit seine eigene Position klar abzugrenzen: einerseits gegen Freud und den von ihm, Gross, oft herangezogenen Nietzsche (den neben Marx wichtigsten Stirner-

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"Überwinder"), (4) andererseits gegen Anarchisten wie Kropotkin (den damals prominentesten anarchistischen Stirner-Verächter).

3. Wie Otto Gross (wieder-)entdeckt wurde

Otto Gross (1877-1920), Doktor der Medizin, habilitiert für Psychopathologie, wirkte in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Seine Themen waren vornehmlich die in ihren Anfängen stehende Freud'sche Psychoanalyse und - was aussergewöhnlich war - die Anwendung der psychoanalytischen Erkenntnisse auf die Theorie und Praxis des Anarchismus in affirmativer Absicht. Das Gross-Zitat "Die Psychologie des Unbewussten ist die Philosophie der Revolution" wird heute gern als Slogan zur Signaliserung seiner Position verwendet, so z.B. auf der ersten Seite der Internetpräsenz der Otto-Gross-Gesellschaft www.ottogross.org.

Seit Gross' Zeiten ist fast ein Jahrhundert vergangen. Die Psychologie des Unbewussten, die Psychoanalyse, wurde von Freud selbst und zahlreichen orthodoxen und unorthodoxen Schülern permanent erweitert, revidiert und modifiziert, so dass man es heute mit einer unüberschaubaren Fülle von Schulen, Theorien, Methoden etc. zu tun hat; die Psychologie insgesamt hat einen umfassenden Akademisierungs- und Professionalisierungsprozess durchlaufen. Zur Beförderung "der Revolution", wie sie Gross vorschwebte, hat sich jedoch kaum eine psychologische Richtung berufen gefühlt. Mit Revolutionen hat man zudem im 20. Jahrhundert Erfahrungen gemacht, die zur Absage an jegliche Utopie und zum kleinmütigen Bekenntnis zur bestehenden Form von Demokratie geführt haben. Der Anarchismus, schon zu Gross' Zeiten eine Randerscheinung der Arbeiterbewegung (abgewandelt auch der Bohème), ist seit der Zwischenkriegszeit gänzlich bedeutungslos geworden. Auch alle Ideen zur Sexualethik, die zu Gross' Zeit noch skandalös waren, sind seit dem Siegeszug der Pornographie vollends zerredet worden.

Deshalb stellt sich natürlich sofort die Frage: Welchen Sinn kann es haben, sich heute noch mit Otto Gross, der schon zu Lebzeiten und mehr als ein halbes Jahrhundert über seinen Tod hinaus vergessen war, zu beschäftigen? Die Antwort sollte bei jenen Autoren zu finden sein, die Gross im Nachgang zur sog. 68er Studentenrevolte, wiederentdeckt haben.

3.1 Das Buchprojekt von Heilmann/Viesel

Als erstes bedeutsames Zeichen der (Wieder-)entdeckung von Otto Gross ist die Ankündigung des anarchistischen Karin-Kramer-Verlages von 1973 zu nennen, eine zweibändige Otto-Gross-Ausgabe zu veranstalten, die eine intellektuelle Biographie und eine Schriftenauswahl enthalten sollte, verfasst und herausgegeben von Hans Dieter Heilmann und Hansjörg Viesel. Der eigentliche Anstoss zu dieser Wiederentdeckung eines Ultralinken durch Ultralinke kam jedoch - pikanterweise - von einem Ultrarechten: von Carl Schmitt (1888-1985). Hansjörg Viesel (1941-....) beschrieb

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fünfzehn Jahre später, wie er seinerzeit, einer geheimen Neugier folgend, sich in die »Politische Theologie« Carl Schmitts vertiefte, in ein Frühwerk des seit 1945 berüchtigten und allseits verfemten "Kronjuristen des Dritten Reichs". (5) Was Viesel dort an einer Stelle las -- "Alle anarchistischen Lehren, von Babeuf bis Bakunin, Kropotkin und Otto Gross..." (6) -- traf ihn "wie ein Schlag". War Viesel als Anarchismusforscher doch "seit Jahr und Tag mit eben diesen Militanten beschäftigt" und trotzdem nie dem Namen Otto Gross begegnet. (7) Viesel und sein Freund Heilmann begannen, über Gross zu recherchieren und trugen, wie der detaillierte Verlagsprospekt zeigt, erstaunlich viel Material zusammen. Keiner der beiden bereits bis ins Detail ausgearbeiteten Bände wurde jedoch jemals gedruckt. (8)

3.2 Martin Green: »Else and Frieda«

Ein zweiter Anstoss zur Wiederentdeckung Gross' kam von literatur- bzw. kulturhistorischer Seite aus den USA: das Buch von Martin Green über die Richthofen-Schwestern »Else und Frieda«, das 1974 auf englisch, 1976 auf deutsch erschien. (9) Green (1927-....) berichtet erstmals ausführlicher über das Schicksal des Otto Gross

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und versucht ausserdem, Gross ideengeschichtlich zu verorten, unter anderem auch mit Stirner und Reich in Beziehung zu setzen: "[Stirners] Schriften scheinen einen Grossteil des späten Otto Gross vorwegzunehmen." (10) "Wilhelm Reichs Orgasmus- und Charaktertheorie und seine Theorie der Charakteranalyse stellen Ideen dar, deren Äquivalenten wir bereits bei Otto Gross begegnen... [...] In den sechziger Jahren wurden seine [Reichs] Ideen durch Paul Goodman, Norman Mailer und Susan Sontag sozusagen amerikanisiert. In gewisser Hinsicht hat also auch Otto Gross bis in unsere Zeiten überlebt." (11) Schon diese Zitate, aber auch die nähere Prüfung der Stellen, die Stirner und Reich behandeln, belegen zur Genüge, dass Green den Bezug beider Autoren zu Gross nur aufgrund oberflächlicher und formaler Ähnlichkeiten herstellt. Abgesehen davon gibt Green nicht an, was man aus dem "Fall Gross" für die heutige Zeit lernen kann.

3.3 Emanuel Hurwitz: »Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung«

Als eigentliches Datum der Wiederentdeckung von Gross kann 1979 gelten, das Jahr, in dem die von Emanuel Hurwitz verfasste erste und noch immer massgebliche Monographie über ihn erschien. Sie trägt den unglücklichen, weil ein irreführendes Stigma setzenden Titel »Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung«. (12) Auch Hurwitz (1935-....) versucht, Gross historisch einzuordnen und nennt dabei als seine Verdienste folgende: "Otto Gross' Bedeutung für den Anarchismus ist unbestritten... Ebenso hat Gross auf die Emanzipationsbewegung der Frau bestimmend eingewirkt..." "Otto Gross nahm ... Befunde vorweg, wie sie in der Psychoanalyse erst mit der Entwicklung des Strukturmodells, im Speziellen dem Konzept des Über-Ichs, möglich wurden." Weiter sei Gross der erste Psychoanalytiker gewesen, der Freuds Wissenschaft, entgegen der Auffassung ihres Schöpfers, dort positioniert habe, wo sie nach heutiger Auffassung hingehört: zu den Sozialwissenschaften. Schliesslich resümiert Hurwitz: "Immerhin muss festgehalten werden, dass die Geschichte Otto Gross rehabilitierte, indem doch zahlreiche seiner Ideen und Gedanken seither wieder aufgegriffen und weiter bearbeitet wurden." Zu fragen bleibt nach diesen Urteilen allerdings, warum Hurwitz die "Aktualität der Ideen Gross'" betont - und also, warum man sich heute mit ihnen befassen sollte. (13)

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3.4 Josef Dvorak: »Kokain und Mutterrecht«

Zwar schon einige Monate vor dem Erscheinen von Hurwitz' Buch, aber aufbauend auf einen "sehr informativen" Vorabdruck aus diesem, befasste sich Josef Dvorak 1978 in einem längeren Zeitschriftenartikel mit Gross. (14) Dvorak geht zweigleisig vor. Einerseits lobpreist er Gross über den grünen Klee: "Sein Einfluss auf die Kulturwelt seiner Zeit war enorm. [...] Sigmund Freud hielt Otto Gross für den einzig originellen Denker unter seinen Psychoanalytikern - neben C.G. Jung..."; und den einflussreichen psychoanalytischen Funktionär und Freud-Biographen Ernest Jones nennt Dvorak einen Schüler von Gross. Andererseits lässt er,  politically correct,  wohlfeile Distanz erkennen: Zu Gross' Ablehnung der parlamentarischen Demokratie; zu seiner Beschäftigung mit den Themen "Degeneration" und "Minderwertigkeit". Wenn Dvorak Gross als "Vorläufer von Wilhelm Reich" vorstellt, so steht dies vor allem im Dienste einer polemischen Abrechnung mit Reich, auf den er, Dvorak, und die "linken Psychotherapeuten" sich zunächst gern bezogen hatten und dabei "radikalere Lehrmeister verschwiegen". Erst später hätten sie "den patriarchalischen Reich" "korrigiert": im Sinne von Herbert Marcuse und dem matriarchalen Otto Gross: "Förderung der präödipalen, prägenitalen Libido, Akzeptieren subkultureller Charakter- und Verhaltensvarianten." Gross, "ein hochqualifizierter, psychisch schwer kranker (und um diese Krankheit wissender), kokainsüchtiger Psychiater [habe] Jahre vor Wilhelm Reich das "Paradigma ... der neulinken Psychotherapie" entwickelt. Das "vollendete Gross'sche Denkgebäude" fand der vom Theo- zum Satanologen avancierte Dvorak dargestellt in Franz Werfels Romanfragment »Die schwarze Messe«, wo ein Dr. Grauh "eine gnostische Kosmologie, Theologie, Anthropologie" entwirft.

3.5 Jennifer Michaels: »Anarchy and Eros«

Erneut von literaturwissenschaftlicher Seite näherte sich ein Jahrzehnt nach Green Jennifer Michaels der Figur des Otto Gross, speziell dessen Einfluss auf einige expressionistische Schriftsteller. (15) Im Vorfeld versucht auch sie, Einflüsse auf Gross, darunter Stirner, und Gross' Einfluss auf die Psychoanalyse, auf Wilhelm Reich, zu eruieren. Michaels schreibt, Freud habe die kritischen unter seinen Schülern besonders geschätzt, und drei Sätze weiter, er habe Gross und Reich eben wegen deren Kritik ausgeschlossen. Hier hätte Vertiefung, speziell zur Ausschluss-"Methode", zu einer wirklichen Problematisierung führen können.

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Es gäbe, meint Michaels weiter, "viele Parallelen" zwischen Stirner und Gross, insbesondere in der Kritik der Gesellschaft, der Feindschaft gegenüber Staat, Familie, Moral und Autorität. Die grösste Übereinstimmung hätten Stirner und Gross in ihrer Auffassung von dem Konflikt zwischen angeregten und eingegebenen Ideen; höchstwahrscheinlich habe Gross dieses Konzept von Stirner übernommen. Gross habe die meisten seiner Gedanken zur Anarchie von Stirner abgeleitet, ihnen aber psychoanalytische und sexualrevolutionäre Komponenten hinzugegeben.
Es gäbe auch "viele Parallelen" zwischen Gross und Reich: in ihrer Auffassung von sexueller Gesundheit, von der patriarchalischen Familie, vom Matriarchat; in der Art ihrer Kritik an Freud; in der Art, wie Freud beide behandelte. Die Ähnlichkeit vieler zentraler Ideen von Gross und Reich lasse vermuten, dass Reich Gross' Werk kannte. (16)
Abgesehen von den grosszügigen Parallelisierungen: auch bei Michaels wird nicht klar, warum man sich heute mit den Schriften eines Mannes befassen sollte, deren Inhalt weitgehend in denen eines Anderen, diesmal Reichs, aufgegangen ist - es sei denn, aus rein historischem Interesse.

3.6 Kurt Kreilers Otto-Gross-Edition

Kurz zuvor, im Jahre 1980, war erstmals eine Sammlung von Gross' (meist in randständigen, kurzlebigen und deshalb heute schwer zugänglichen Zeitschriften publizierten) Aufsätzen erschienen, herausgegeben von Kurt Kreiler. (17) Ihr Titel »Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe«, 1921 (!) von Franz Jung geprägt, klingt heute antiquiert und erscheint ebenso unpassend wie der naiv-utopistische Titel des Hurwitz-Buches: »Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung«, insbesondere, weil Kreiler, wie auch Hurwitz, die Aktualität von Gross behauptet. Kreiler versucht in seinem Nachwort, diese Aktualität näher zu umschreiben. Sie liege in Gross' "These von der notwendigen Revolutionierung des Bewusstseins und - des Fühlens. Denn nur ein sensitiver und vitaler Organismus kann dem Anpassungszwang an die krankmachenden Bedingungen unseres technisierten Lebens widerstehen und gegen sie opponieren. Die moderne Revolte ist die der schöpferischen Gemeinsamkeit gegen die bürokratische Organisation des Lebens und der Arbeit, ist die der persönlichen Integrität gegen die Normierung des Wünschens und der (erotischen) Phantasie." Die so beschriebene Aktualität Gross' besteht in seiner (angeblichen) Übereinstimmung mit dem aktuellen Zeitgeist - hier dem der 70er Jahre. Raimund Dehmlow schloss demgemäss sein Nachwort für die Neuauflage, die 2001 leider wieder unter dem

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antiquierten Jung'schen Titel erschien, mit den Worten: "Das Phänomen Otto Gross ... symbolisiert die Suche ... nach Utopien in Zeiten, denen tragfähige Konzepte und Sinnhaftigkeit fehlen."

3.7 Russell Jacobys "Verdrängung"

Eine klare und spezifische Begründung für die Aktualität von Gross, die manchmal explizit, häufiger aber implizit unterstellt wird, ist - auch bei Durchmusterung weiterer Literatur, die in den letzten zwanzig Jahren zu Otto Gross erschien (18) - nicht zu finden. Sogar Russell Jacoby, der die »Verdrängung der Psychoanalyse« und den »Triumph des Konformismus« kritisch aufarbeiten will, weicht schliesslich ins Nebulöse aus und stolpert ins Widersprüchliche. Zum einen: Gross sei als erster entschiedener Dissident der Psychoanalyse Vorläufer Reichs. Zum anderen: Gross habe das Schicksal zahlreicher psychoanalytischer Dissidenten geteilt: rasch vergessen, kaum erwähnt. Zahlreicher! Wer ist hier noch gemeint? Auch Reich? Als einer unter Vielen? Schon das wäre eine Fehleinschätzung. Aber Jacoby eskamotiert diese Fragen, indem er eilends behauptet: die "zweite Generation der politisch orientierten Freudianer" - Fenichel, Reich, Fromm, Bernfeld, Simmel - "brachte auch die Einsichten von Gross zur Geltung." (19) Jacoby kann den "Fall Gross" nicht einordnen, weil er, was hier nicht zu begründen ist, den "Fall Reich" nicht wirklich kritisch analysiert, d.h., ausweislich seiner Darstellung desselben, ihn selber durch "Verdrängung" bewältigt. So kommt es, dass Jacoby, der den "Triumph des Konformismus" in der Psychoanalyse als letzter grosser aufklärerischer Doktrin anprangert, selbst "konformistisch" reden muss und den Verfall der Psychoanalyse primär ihrer Amerikanisierung anlastet und nicht -- ihrem Schöpfer Sigmund Freud selbst, keimhaft erkennbar bereits 1908 an seinem Verhalten gegenüber Gross (Kap. 4.1.1), deutlich 1934 bei seinem intriganten Meistercoup gegen Reich. (20)

4. Wie Otto Gross vergessen (gemacht) wurde

4.1 Von Psychoanalytikern

4.1.1 Sigmund Freud

Otto Gross war einer der ersten psychiatrischen Fachkollegen, die Freuds neue Tiefenpsychologie begeistert begrüssten. Freud scheint seinem jungen Verehrer

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jedoch von Beginn an - ein möglicher erster Kontakt wird meist, ohne Beleg, auf das Jahr 1904 datiert - skeptisch reserviert gegenüber gestanden zu haben, wahrscheinlich, weil er, von Gross selbst oder durch Dritte, früh erfahren hatte, dass Gross die psychoanalytischen Erkenntnisse in den Dienst einer "revolutionären" Ethik und schliesslich einer radikalen Gesellschaftskritik zu stellen beabsichtigte. (21) So wird Freud in seiner Distanz zu Gross bestätigt worden sein, wenn ihm zu Ohren gekommen war, dass dieser 1907 zusammen mit dem Bohème-Anarchisten Erich Mühsam eine »Zeitschrift für psychologische Gesellschaftskritik« gründen wollte. (22)

Gross hingegen scheint damals grossen Wert darauf gelegt zu haben, von Freud als Schüler anerkannt zu werden. Vermutlich auf seinen Wunsch hin schrieb Mühsam, mit dem Gross seit 1905 befreundet war, einen langen Brief an Freud, in dem er ihm, dem Schöpfer einer "genialen Psychologie", überschwänglich "für die Heilung von einer schweren Hysterie [dankt], die Ihr Schüler, Herr Dr. Otto Gross aus Graz, nach Ihrer Methode an mir bewirkt hat". (23) Freud blieb reserviert. Auch als Gross auf dem 1. Internationalen Kongress für Psychiatrie, Neurologie und Psychologie (Amsterdam, 2.-7. Sept. 1907) sich für den in der Fachwelt noch kaum anerkannten Freud engagierte, scheint Freud dies offenbar gar nicht gern gesehen zu haben. (24)

Einige Monate zuvor, im Frühjahr 1907, war bereits ein Buch Gross' zur Freud'schen Theorie erschienen. (25) Freud hatte schon dies mit gemischten Gefühlen betrachtet, wie aus dem Briefwechsel mit Carl Gustav Jung hervorgeht. Jung, ungefähr so alt wie Gross und mit ihm um die Gunst des Meisters Freud rivalisierend,

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hatte Gross erst (am 28. Juni) diplomatisch gelobt ("ausgezeichnetes Verständnis"), um dann dessen Buch vorsichtig zu bemängeln ("enthält ... allerhand Sonderbares"). Freuds Antwort (vom 1. Juli) verrät einiges über sein Verhältnis zu Gross. Zunächst Distanz: Das Buch habe ihn (nicht als Werk eines Schülers, sondern) deshalb interessiert, weil es aus der Klinik des "Oberpapstes" Kraepelin, in der Gross damals tätig war, stamme. Freuds vorangestelltes Lob, Gross sei "ein hochintelligenter Mensch", lässt nichts Gutes ahnen; es folgt denn auch die Kritik, dass Gross doch nur "eine Synthese aus mir und all seinen alten Göttern" vorlege, was "eine unglaubliche Verwirrung zur Folge" habe. Freud konstatiert ausserdem, ähnlich wie Max Weber aufgrund eines anderen Gross-Textes (s. Kap. 4.2.1): "magere Beobachtung" und "viel zu viel Theorie." Doch es war nicht die Menge an Theorie, die Freud missfiel, sondern deren Inhalt, die gelegentlich spürbare "anarchistische" Tendenz. Freud entlastet Gross aber von der Verantwortung für sein Buch. Alles sei "gewiss ohne seine Schuld" so geworden, so wie auch Gross' übermässiger Gebrauch von Superlativen ein Ausdruck seines "abnormen Gefühlslebens" sei - "von dem Sie [Jung] mir Mitteilung gemacht haben." (26) Der letzte Halbsatz lässt vermuten, dass Freud bis dahin Gross persönlich nicht oder nur flüchtig kannte; unklar bleibt, woher Jung das Wissen über die "Abnormität" seines (chancenlosen) Rivalen um Freuds Gunst hatte und wie er es Freud übermittelt hatte. (27) Freud jedenfalls war sehr geneigt, Jungs Meinung über die "Abnormität" des "Anarchisten" Gross zu teilen. Er stand aber noch vor dem Problem, wie er sich des eifrigen, aber unerwünschten Anhängers entledigen konnte. Der für das nächste Jahr, 1908, geplante 1. Kongress der Psychoanalytiker würde Gelegenheit dazu bieten.

Natürlich muss Gross, zumal er Freud wegen seiner wissenschaftlichen Pioniertaten überaus schätzte und öffentlich für ihn eintrat, dessen dauerhaft abweisende Haltung gespürt haben, und er wird sich zumindest im Groben zurecht gelegt haben, worauf diese beruhte. Dafür spricht, dass er zur gleichen Zeit, Mitte des Jahres 1907, eine Arbeit verfasste, in der er sich (wie er in einem erst kürzlich aufgefundenen Brief an Else Jaffé schrieb) "über die grossen Schatten auf meinem Weg, über Nietzsche und Freud, hinüberzuarbeiten" gedachte. (28) Es handelt sich dabei aller Wahrschein-

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lichkeit nach um jenen Aufsatz, über den der berühmte Max Weber sich so aufschlussreich echauffierte (Kap. 4.2.1). Leider ist dieser Aufsatz verschollen, so dass man seinen Gehalt aus Webers Reaktion und aus Gross' überlieferten Arbeiten jener Zeit rekonstruieren müsste. Dass Gross nicht nur Freud, sondern auch Nietzsche als "Schatten" bezeichnet, als Gestalten also, die seinen Weg verdüstern und sein Fortschreiten behindern, könnte darauf hindeuten, dass er sich damals seiner Eigenständigkeit bewusst wurde; dass er begann, seine "anarchistische" Position zu fundieren und möglicherweise daran dachte, den Paria Stirner (29) gegen den allenthalben - und speziell auch von Freud - hoch geschätzten Nietzsche ins Feld zu führen. (Kap. 4.3 und 5)

Der "Erste Congress für Freud'sche Psychologie" fand am 27. April 1908 in Salzburg statt. Freud und seine beiden "Söhne" Jung und Gross trafen dort erstmals zusammen. Zuvor aber hatten sich Freud und Jung noch brieflich über Gross verständigt (Briefe zwischen Gross und Freud bzw. Jung sind bisher nicht bekannt). Am 11. Sept. 1907 schrieb Jung, dass Gross sich auf dem erwähnten Amsterdamer Kongress als "ein überaus eifriger Anhänger Ihrer Ideen" gezeigt habe. Der Brief ist ein Echo auf Freuds Brief vom 1. Juli 1907: "Er [Gross] ist ein sehr gescheiter Kopf..." - nur: "schade, dass Gross so psychopathisch ist." Und am 25. Sept. arbeitet Jung weiter an seinem Gross-Porträt, das ganz nach den Erwartungen Freuds ausfällt. Gross habe ihm gesagt, der "wahrhaft gesunde Zustand für den Neurotiker sei die sexuelle Immoralität." Er, Jung, meine jedoch, "dass Sexualverdrängung als Kulturfaktor sehr wichtig und unentbehrlich ist..." Ob Freud dies als Anbiederung empfun-

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den hat oder als Feststellung einer Selbstverständlichkeit, ist aus dem Briefwechsel nicht zu entnehmen.

Auf jeden Fall hatte Jung seine Übereinstimmung mit Freud im Grundsätzlichsten ("Kultur" geht vor "Gesundheit"; so auch Max Weber, Kap. 4.2.1) noch einmal bestätigt und nebenbei bekräftigt, dass auch er die Gefahr sehe, die der Reputation der Psychoanalyse von Gross drohe, weil dieser in ihrem Namen auftritt. Denn ihm wie Freud war es eine feststehende Tatsache, "dass man mit der offenen Verkündigung gewisser Dinge [!?] den Ast absägt, auf dem die Kultur sitzt; ... jedenfalls ist das Extrem, das Gross verkündet, ganz entschieden falsch und der ganzen Richtung [!?] gefährlich." (30) Was "Kultur", "gewisse Dinge" und die "Richtung" bedeuten, verstand sich für Freud, Jung und die Psychoanalytiker von selbst.

Freud hatte zwar schon in früheren Schriften, implizit und explizit, zuletzt in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905; vorletzter Absatz) die "gegensätzliche Beziehung zwischen Kultur und freier Sexualitätsentwicklung" betont. Jetzt aber, vor dem 1. Psychoanalytischen Kongress, verfasste Freud, als präventive Entgegnung auf Gross, seine erste ausdrücklich kulturtheoretische Schrift: »Die 'kulturelle' Sexualmoral und die moderne Sexualität«; sie erschien, optimal terminiert, im März 1908 und legte - gegen das, was Freud von Gross erwartete - die (kultur-)"politische" Linie der Psychoanalyse fest. (31) Freud schickte Jung diese Abhandlung am 19. April und schrieb dazu, in Hinblick auf den Kongress: "Otto Gross wird uns allerdings auch beschäftigen; er bedarf jetzt dringend Ihrer ärztlichen Hilfe; es ist schade um den hochbegabten und überzeugten Mann. Er steckt im Kokain und dürfte zu Beginn der toxischen Kokainparanoia stehen. Für seine Frau habe ich grosse Sympathie; eine der wenigen Germaninnen, die mir je gefallen haben." Von Sympathie für Gross ist bei Freud indes wenig zu spüren, und seine Sorge um ihn ist nicht die des Arztes. Freud wie Jung scheinen nie eine Besserung seines Zustandes gewünscht zu haben. Beide wollten von vornherein keine Genesungschance sehen und beteuerten dazu in ihren Briefen, wie bedauerlich sie es fänden, dass der hochintelligente Mann für die Psychoanalyse verloren sei. Krokodilstränen! Beide wollten, ohne dass dies einer Absprache bedurft hätte, den "Anarchisten" Gross ausschalten; denn den sahen sie als "Gefahr" für die Analyse, weil er "gewisse Dinge" beim Namen nannte oder zu nennen drohte und die "Kultur" in Frage stellte.

Auf dem gut vorbereiteten Salzburger Kongress kam es dann auch zum Eklat zwischen Freud und Gross, aber zu einem merkwürdig leisen, gedämpften, erstickten, irgendwie unterschwelligen Eklat (s.u.). Freud tat natürlich alles, um den Kon-

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flikt, auch gegenüber den anderen Psychoanalytikern (z.B. Ferenczi, der damals ähnliche Ansichten wie Gross vertrat; s. Kap. 4.1.2), erst gar nicht hochzuspielen, nicht als fundamentalen kenntlich zu machen. Auf Jung, der als einziger intime Kenntnis von den tiefliegenden, schwelenden Differenzen hatte, konnte er sich verlassen; denn Jung hatte starke Ambitionen als "Kronprinz" in spe und war vor allem grundsätzlich auch der Auffassung Freuds, dass Gross ein unerwünschter Kantonist ist, der "unsere Sache nur schwer schädigen wird" (32) und deshalb - unschädlich zu machen sei. Jungs lieferte dann auch später, indem er den arglos zu ihm in Therapie gegangenen Gross mit der Diagnose "dementia praecox" behaftete, die Grundlage dafür, dass Gross' Vater seinen zum "gefährlichen Anarchisten" missratenen Sohn zwangsinternieren und entmündigen lassen konnte. Wenn man die Tat Jungs als "Brudermord" bezeichnen will, (33) so wäre hinzuzufügen, dass dieser nicht primär aus Rivalität begangen wurde, sondern in Erfüllung eines unausgesprochenen Wunsches des "Vaters".

Wie Gross selbst Freuds Verhalten ihm gegenüber wahrgenommen hat, ist schwer zu erschliessen. Einerseits war er bereits dabei, sich von Freud, den er als "Schatten auf seinem Weg" erkannt hatte, zu lösen; andererseits fühlte er sich noch nicht stark oder sicher genug, um seine Gegenposition zu begründen und offensiv zu vertreten. In der Einleitung zu seinem nächsten Buch »Über psychopathische Minderwertigkeiten« (1909) schreibt er: "...dass ich es nicht vermeiden kann, einen grossen Teil meiner Darstellung unmittelbar auf den von Freud geschaffenen Boden zu stellen." Das bezieht sich zwar darauf, dass Freud bisher "nur wenig bekannt und nur von wenigen anerkannt" sei; aber vielleicht verrät es ausserdem, dass er auch aus anderen Gründen gern vermieden hätte, sich auf Freud zu beziehen. Freud registrierte diese Ambivalenz mit Genugtuung und schrieb einen süffisanten Kommentar an Jung: Er habe das Buch "noch nicht studiert, aber [es sei] offenbar wieder sehr wertvoll, von kühner Synthese und überreich an Gedanken, wieder auch an zweierlei Hervorhebungen im Druck (fett und gesperrt), was einen exquisit paranoischen Eindruck macht. Schade um den bedeutenden Kopf! Ich weiss übrigens nicht, ob ich das Buch werde verstehen können. Manches greift mir zu hoch, und im ganzen meine ich, geht er von mir auf seine früheren Stadien (Anton, Wernicke) zurück. Ist das nun bei ihm Regression wie bei der Neurose oder meine eigene Beschränktheit ?" (3. Juni 1909)

Dieses Buch war Gross' letzte Fachpublikation als Psychiater. Nach einigen Turbulenzen in seinem privaten Leben, auf die hier nur partiell und kurz (Kap. 4.1.3) einzugehen ist, kam Gross zu der Auffassung, dass für seine eigentlichen Anliegen "nur mehr in der revolutionären Literatur ein möglicher Platz ... sein kann." Nachdem sein Plan, ein eigenes »Organ für psychologische Probleme des Anarchismus«

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zu gründen, noch nicht realisierbar war, begann er 1913, seine "radikal individualistischen und allen bestehenden Institutionen schroff widersprechenden Ergebnisse einer konsequenten Erforschung des Unbewussten" (34) in Franz Pfemferts expressionistischer Zeitschrift »Die Aktion« zu publizieren. Dort kommt Gross auch auf den Salzburger Eklat, der sich so seltsam unmerklich vollzogen hatte, zu sprechen, und zwar eigentlich nur anlässlich einer Provokation Ludwig Rubiners, der den "logischen Wert" der Psychoanalyse bestritten hatte: "Wichtig ist nur ihr brutal praktischer Nutzen, der Heilerfolg." Gross replizierte: "Ich habe vor vielen Jahren auf dem Salzburger Psychoanalytikerkongress von der Perspektive gesprochen, die sich mit der Entdeckung des 'psychoanalytischen Prinzips', d.h. der Erschliessung des Unbewussten auf die Gesamtprobleme der Kultur und den Imperativ der Zukunft richtet. Es ist mir damals von S. Freud erwidert worden: Wir sind Ärzte und wollen Ärzte bleiben." (35) (Nichts freilich lag in Wahrheit Freud selbst ferner).

Gross' fast beiläufige Bemerkung ist die einzige Information, die von dem stillen Eklat überliefert ist. Von dem Psychoanalytiker-Kongress vom 27. April 1908, an dem 22 Personen teilnahmen, gibt es kein Protokoll, nur einen drei Jahre später publizierten Bericht - in dem nicht einmal mehr der Name Gross genannt ist. (36) Bei Gross' Mitteilung fällt vor allem der milde Ton auf, in dem er von jenem Ereignis berichtet, das ihn immerhin zur Unperson der Psychoanalyse gemacht hat. Er verliert kein Wort darüber, dass Freud just zu dem Zeitpunkt, als er sein Ärzte-Verdikt aussprach, selbst mit seinem Kultur-Aufsatz dagegen verstossen hatte; kein Wort, dass er, Gross, zu weiteren Psychoanalytischen Kongressen nicht mehr eingeladen wurde; (37) dass sein Name aus den Annalen der Psychoanalyse getilgt wurde. Wenngleich Gross nicht wissen konnte, wie einvernehmlich Freud und Jung über ihn dachten und sprachen, so musste ihm doch klar gewesen sein, dass sein Ausschluss von ihnen betrieben, jedenfalls in ihrem Sinne war. Dennoch fuhr er 1913 fort: "Wir wissen heute, wie unendlich grösser die Gabe [Freuds] gewesen ist als es der Schenkende selbst zu hoffen sich gestattet hat. Heute ist uns die Psychologie des Unbewussten die einzige und erste sichere Gewähr für wirkliche Antworten auf wirkliche Fragen und richtige Wege zu richtigen Zielen." Etwas deutlicher hatte er einige Wochen zuvor in der gleichen Zeitschrift programmatisch geschrieben: "Die Psycholo-

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gie des Unbewussten ist die Philosophie der Revolution, d.h. sie ist berufen, das zu werden als das Ferment der Revoltierung innerhalb der Psyche, als die Befreiung der vom eigenen Unbewussten gebundenen Individualität. Sie ist berufen, zur Freiheit innerlich fähig zu machen, berufen als die Vorarbeit der Revolution." (38)

4.1.2 Sándor Ferenczi

Wenn Gross 1913, wie soeben zitiert, davon sprach, was "wir" über die Psychologie des Unbewussten, also die Freud'sche Psychoanalyse, und ihre Aufgaben wissen, so stand er in Wirklichkeit damals mit dieser Auffassung allein, und zwar nicht nur in seiner Zunft. Die Anarchisten, gleich welcher Richtung, teilten sie ebenfalls nicht (Kap. 4.3); und Freud, das unangefochtene Haupt der Psychoanalyse, hatte Gross wegen eben dieser Ambitionen exmittiert, ohne dass eine Gegenstimme hörbar wurde. Ein Verbündeter hätte ihm der ungarische Psychiater Sándor Ferenczi (1873-1933) geworden sein können. Ferenczi, der der gleichen Generation angehörte wie Gross und Jung, hatte sich längere Zeit kritisch mit der Psychoanalyse befasst, bevor er Anfang 1908 den persönlichen Kontakt zu Freud suchte. Er nahm an dem Salzburger Kongress teil und hielt dort einen Vortrag, »Psychoanalyse und Pädagogik«, in dem er Ideen vertrat, die den Gross'schen sehr nahe standen.

Hatte Freud gelehrt, es gäbe bereits beim kleinen Kinde berechtigterweise sexuell zu nennende Triebregungen, deren kulturnotwendige "Verdrängung" in den psychischen Bereich des "Unbewussten", wenn sie "missglücke", zur Entstehung von Neurosen führe, so vertrat Ferenczi damals, bestimmter als der um die "Kultur" besorgte Freud, die Auffassung, dass von jener "missglückten" Verdrängung im Grunde jeder, also auch der symptomfreie "Normale" betroffen sei. Die bei jedem Menschen vorhandenen, verdrängten und durch die Verdrängung im Unbewussten "zu einem gefährlichen Komplex antisozialer und selbstgefährlicher Instinkte" gewordenen "Gedanken und Strebungen" könnten, so Ferenczi, nur mit einem hohem Aufwand, "durch das automatische Wirken gewaltiger Schutzvorrichtungen unterdrückt ... werden, [d.h.] mit moralischen, religiösen und sozialen Dogmen." Diese irrationale Funktionsweise der Verhaltenssteuerung durch "unappellierbare Prinzipien" - der Begriff "Über-Ich" stand noch nicht zur Verfügung - sei, so Ferenczi, nicht nur mit sehr viel überflüssiger Seelenqual und geminderter Genussfähigkeit verbunden, sondern obendrein offenkundig unzweckmässig. Die gesellschaftlich zu beobachtenden "Äusserungen der illogischen Arbeitsweise des Verdrängten" gäben Anlass, die bestehende, auf jenen Dogmen basierende Ordnung, die sich mittels derart zugerichteter Individuen "seit undenklichen Zeiten" immer wieder reproduziert hat, grundsätzlich in Frage zu stellen. Die durch Freuds Erkenntnisse ermöglichte "inne-

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re Revolution", so Ferenczi weiter, könnte "die erste Revolution [sein], die der Menschheit eine wirkliche Erleichterung schüfe..." (39)

Auch Ferenczis Vortrag blieb damals ungedruckt, ging aber nicht verloren. (40) Freud überging damals diese, den Gross'schen offenkundig sehr ähnlichen Ideen, aber er hielt Ferenczi nicht auf Distanz wie Gross. Im Gegenteil: Freud "umarmte" Ferenczi geradezu, lud ihn sofort zu einem gemeinsamen Sommerurlaub ein. Binnen kurzem war Freud für Ferenczi ein intimer und väterlicher Freund. Auf Ferenczis anfängliche Bitten um Freuds Meinung zu seinen in Salzburg geäusserten Ideen ging Freud, soweit aus ihrem edierten Briefwechsel ersichtlich, nicht ein. In den Briefen sind denn auch nur wenige Bemerkungen zu finden, aus denen Ferenczis Verhältnis zu Gross, den er ja zumindest vom Kongress her kannte, erschlossen werden kann. (41) Man hat den Eindruck, als habe er sich ein Herz fassen müssen, als er am 22. März 1910, nach langwierigen fachlichen Ausführungen, angehängt wie ein post scriptum,  betont beiläufig doch noch auf den Paria, dem er noch vor zwei Jahren gedanklich sehr nahe stand, zu sprechen kam: "Ich lese jetzt Gross' Buch über die Minderwertigkeit und bin darüber entzückt. Kein Zweifel: unter denen, die Ihnen bis jetzt folgten, ist er der bedeutendste." Das war natürlich eine kecke Provokation, die Ferenczi sofort mit dem folgenden Satz zurücknahm, indem er die von Freud ausgegebene - und schon von Jung wiederholte - Parole nachsprach: "Schade, dass er verkommen muss." Freud wird diese kleine Aufmüpfigkeit zu deuten gewusst haben und überging sie. Er ignorierte auch jede der wenigen sonstigen Erwähnungen Gross' in Ferenczis Briefen, denn er scheint sich sehr sicher gewesen zu sein, dass Ferenczi ihm treu ergeben war und seine revolutionären Ambitionen (und evtl. Sympathien mit Gross) längst "verdrängt" hatte.

Der Ausschluss von Gross aus der psychoanalytischen Bewegung ist, anders als die Abspaltungen Jungs, Adlers oder Stekels wenige Jahre später, informell und lautlos abgelaufen. Gross war stillschweigend aus den Annalen der Psychoanalyse getilgt worden, und als er am 13. Februar 1920 starb, fand sich kein Psychoanalytiker,

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der sich seiner öffentlich erinnern wollte, geschweige denn einen Nachruf schrieb. (42) Nur Ferenczi, schon seit langem Freuds "Paladin und geheimer Grosswesir" (43), scheint durch den Tod von Gross an seine eigenen frühen Ambitionen erinnert und etwas verstört worden zu sein. Er sah sich jedenfalls veranlasst, im Rahmen einer Besprechung von Gross' Buch »Drei Aufsätze über den inneren Konflikt« seinen eigenen Weg an der Seite Freuds, natürlich nur indirekt, zu rechtfertigen. (44) Ferenczi und Gross dürften seinerzeit, 1908, ziemlich einer Meinung gewesen sein, dass das zentrale Thema der Psychoanalyse die Pathogenität des "inneren Konflikts" zwischen "Eigenem und Fremden" ist bzw. sein sollte. Beide sahen damals in der Introjektion des "Fremden" (Gross), einer "inappellierbaren Instanz" (Ferenczi) - des später so genannten Über-Ichs - in die werdende Psyche des Kleinkindes die pathogene Noxe schlechthin und standen mit dieser "revolutionären", auf konsequente Fortführung des Projekts der europäischen Aufklärung zielende Grundauffassung in striktem Gegensatz zu Freud. Doch Freuds konservative Auffassung, Krankheit und Leid müsse akzeptiert werden, um den Fortbestand der (=dieser) Kultur zu sichern, wurde von allen Psychoanalytikern, nach anfänglichem Zögern auch von Ferenczi, als Dogma akzeptiert und durch "Biologisierung" zementiert (Ausnahmen: eben Gross und später Wilhelm Reich).

Die Besprechung, die Ferenczi wahrscheinlich pro domo  und ohne Billigung Freuds - der den Fall Gross längst "vergessen", jedenfalls nicht gern thematisiert gesehen haben wird - publizierte, ist ein wichtiges Dokument, das eine ausführliche Satz-für-Satz-Interpretation verdiente. Blickt man hinter die aus Fachjargon errichtete Fassade, so erkennt man deutlich, dass Ferenczi in dieser relativ langen Rezension durch wiederholtes Verhöhnen des "ungewöhnlich begabten Kopfes, [der leider] der Wissenschaft zu früh entrissen" worden sei (n.b.: wieder die alte Parole), und Beschwören eines avancierten psychoanalytischen "Wir" seine eigene temporär irritierte Befindlichkeit stabilisiert - offenbar mit Erfolg. Doch knapp zehn Jahre später - Gross war seit langem erfolgreich aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse verdrängt -

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brachen Ferenczis ursprüngliche, konsequent aufklärerische Ambitionen von 1908 noch einmal durch (bezeichnenderweise zu einer Zeit, als seine langjährige, intensive Beziehung zu Freud zerfiel und manch ein Beobachter, z.B. Ernest Jones, ihn psychotisch werden sah). Sie kamen allerdings nur noch in gedämpfter Form zum Ausdruck. In einem Aufsatz, in dem Ferenczi eigentlich nur "technische" Probleme behandelte, forderte er in einem überraschenden Exkurs, "dass eine wirkliche Charakteranalyse ... mit jeder Art von Über-Ich, also auch mit dem des Analytikers, aufzuräumen hat." (45) Doch diese Forderung nach konsequentem "Abbau des Über-Ichs" bezog er nur noch auf die Individual-Therapie, nicht mehr, wie in seinem kühnen Prospekt von 1908, auf die Massenprophylaxe. Sie war ohnehin unverträglich mit der Freud'schen, seit langem "biologisierten" Grundüberzeugung, die Ferenczi bereitwillig übernommen hatte: "dass in der ursprünglichen Anlage, artgemäss prädisponiert, zwei Triebe angelegt [sind], deren naturgemässe Bestimmung es [ist], miteinander in einen unlösbaren, krankmachenden Konflikt zu geraten." Ferenczi verhöhnte Gross, weil der nach wie vor die exogene Ursache des "inneren Konflikts" [des Eigenen und des Fremden] betonte, als weltfremden Optimisten mit naivem "Vertrauen zur prästabilierten Harmonie in der Natur." (46)

4.1.3 Carl Gustav Jung

Über Jungs Rolle in Gross' Werdegang wurde im Kapitel 4.1.1 bereits berichtet. Jung, der Gross schon länger kannte, hatte im Vorfeld zum Salzburger Kongress in Briefen an Freud von dem "abnormen Gefühlsleben Gross' ... Mitteilung gemacht." (47) Auf dem Kongress (27. April 1908), als alle drei erstmals zusammentrafen, willigte Gross ein, sich anschliessend zu einer (erneuten) Morphium/Kokain-Entwöhnungskur ins Zürcher "Burghölzli", wo Jung tätig war, zu begeben. Nach deren voraussichtlichem Abschluss, im Oktober 1908, sollte Freud Gross in Analyse nehmen. Dieser Plan kam nicht zur Ausführung, denn gleich nach Gross' Ankunft in Zürich nahm Jung ihn selbst in Analyse - formell gegen Freuds Plan, reell aber in Erfüllung von dessen unausgesprochenem Wunsch (zwischen den Zeilen der Briefe zu lesen). "Ich habe alles liegengelassen und alle verfügbare Zeit, tags und nachts, an Gross

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gewendet", berichtete er an Freud, der sich über diese Wendung zwar etwas indigniert zeigte, in Wahrheit aber wohl erleichtert war. (48)

Die Interaktion Jung/Gross verlief ausserordentlich intensiv, und das Verhältnis Therapeut/Patient wechselte bisweilen: "Wo ich nicht weiter kam", berichtete Jung, "hat er mich analysiert. ... Die Analyse hat allerhand wissenschaftlich schöne Resultate ergeben, die wir bald zu formulieren trachten." Wir! Jung war jetzt offenbar von Gross tief beeindruckt: "Er ist ein Mensch von seltener Anständigkeit, mit dem man sofort ausgezeichnet leben kann, sobald man die eigenen Komplexe fahren lässt." (49) Doch dann, nach ca. fünf Wochen, entwich Gross, von dem keine entsprechenden Äusserungen über Jung bekannt geworden sind, über die Mauer der geschlossenen Anstalt "Burghölzli". Hatte Jung zuvor eine "Zwangsneurose" diagnostiziert - worin Freud ihm aus der Ferne zustimmte - stellte er jetzt die "Diagnose ... an die ich immer doch nicht glauben wollte und die ich jetzt doch mit erschreckender Deutlichkeit vor mir sehe: Dementia praecox." (50) Freud meinte zwar, dass "Dementia praecox ja oft keine rechte Diagnose ist", aber ihm war auch diese Diagnose recht, denn: "Über die Unbeeinflussbarkeit und das endliche Schicksal dürften wir einer Meinung sein. [...] Gross ... ist verfallen und wird unsere Sache nur schwer schädigen." (51) Darin, was "unsere Sache" ist, und wodurch Gross sie schädigt, brauchte Freud nicht deutlich zu werden.

Jung hatte die fünf Wochen mit Gross als "eines der schwersten Erlebnisse" seines Lebens bezeichnet, das er aber, "trotz des Leidens", nicht missen mochte: "denn in Gross erlebte ich nur allzuviele Seiten meines eigenen Wesens, so dass er mir oft vorkam wie mein Zwillingsbruder minus Dementia praecox." (52) (Minus? -- eine interessante Fehlleistung!). Diese Erfahrung habe ihm, Jung, "endlich bei einem einzigartigen Menschen eine einzigartige Einsicht in das tiefste Wesen der Dementia praecox gegeben." Die wissenschaftlichen Ergebnisse aus ihrer gegenseitigen Analyseerfahrung, die ursprünglich beide zusammen formulieren wollten, publizierte Jung dann allein. Als Gross sich darüber - ausgerechnet bei Freud - beschwerte, schrieb Jung barsch und verächtlich zurück: "Gross ist ein ausgemachter Narr, dem der Steinhof eine passende Sinekure ist. Er soll aber lieber noch etwas produzieren als Polemiken

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schreiben." (53) Diese gereizte Bemerkung Jungs über Gross - erstaunlich, dass er meint, Gross sei in der Wiener Irrenanstalt Steinhof nicht als Patient, sondern als Arzt - war auch die letzte in seinen Briefen, soweit sie ediert wurden; unediert existiert noch (mindestens) ein Brief, in dem Jung sich ausgiebig - und sichtlich gereizt - zu Gross äussert: am 4. Jan. 1936 schrieb er dem Psychoanalytiker Fritz Wittels auf Anfrage u.a., dass Gross ein genialischer Blender mit "unbeschränktem Grössenwahn" und "sittlich und sozial völlig verlumpt" gewesen sei. (54) Wie bei Ferenczi, so sass auch bei Jung der Stachel Gross tief: so dass sich sein Bild von Gross ("Mensch von seltener Anständigkeit", "mein Freund, denn er ist im Grunde genommen ein guter und vornehmer Mensch mit ungewöhnlichem Geist") ohne weiteren Kontakt zu ihm so drastisch gewandelt hatte.

4.2 Von Staatstheoretikern

4.2.1 Max Weber

Nur einer persönlichen Beziehung ist zu verdanken, dass sich eine Koryphäe wie Max Weber zu Otto Gross' Ideen geäussert hat - allerdings ebenfalls, wie Freud und Jung, nicht öffentlich. Gross hatte Anfang 1907, also noch vor dem seltsam lautlosen Eklat mit Freud, über Else Jaffé, eine Freundin seiner Frau, Zugang zum Heidelberger Kreis um Max Weber bekommen. Weber gab mit Edgar Jaffé, dem Ehemann Elses, und Werner Sombart die Zeitschrift »Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik« heraus und befasste sich zu jener Zeit selbst mit der Theorie der Psychoanalyse. Wohl deshalb hielt Gross es für angezeigt, einen Aufsatz zu diesem Thema zur Veröffentlichung im »Archiv« einzureichen, und zwar, indem er ihn Else Jaffé zur Weiterleitung übersandte. Von diesem Aufsatz ist nur der Titel des ersten Teils überliefert: »Der Psychologismus seit Nietzsche und Freud«. Über den Inhalt ist nur Gross' Intention, die er im Begleitbrief nannte, nämlich die "grossen Schatten auf seinem Weg ... Nietzsche und Freud" hinter sich zu lassen, (55) bekannt - und natürlich das, was aus Max Webers Begründung seiner Ablehnung des Artikels, die er in einem längeren Brief an Else Jaffé formuliert, (56) erschlossen werden kann.

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Was an Webers Brief als erstes auffällt, ist die überraschend starke Affektgeladenheit. Weber betont zwar eingangs, dass er Gross, den er auch persönlich kennengelernt hatte, "als Mensch" sehr hoch einschätze, schlägt dann aber einen ironisch-sarkastischen Ton an, der kaum darauf zurückzuführen sein kann, dass Weber, wie er behauptet, Gross nur oder in erster Linie das eine ankreidet: dass er aus seinem Fachgebiet herausgetreten ist und ''Weltanschauung treibt". Nachdem Weber am Anfang des Briefes seine Bereitschaft erklärt, seine Ablehnung der Aufnahme des Artikels in das »Archiv« von Jaffé und Sombart überstimmen zu lassen, erhitzt er sich während des Schreibens so sehr, dass er dies am Ende erregt zurücknimmt und ankündigt, nötigenfalls - denn sich überstimmen zu lassen wäre in diesem offenbar besonders heiklen Fall "charakterlos" - von seinem Vetorecht Gebrauch zu machen.

Auch Webers Brief verdiente, wie Ferenczis Rezension, eine Satz-für-Satz-Interpretation, denn auch bei ihm steht so manches nur zwischen den Zeilen; auch bei ihm sagt der Ton mehr als der sachliche Gehalt. Für die sachliche Kritik und Begründung der Zurückweisung hätte der letzte Absatz des langen Briefes gereicht: "Fachwissen ist Technik, lehrt technische Mittel. Wo aber um Werte gestritten wird, da wird das Problem in eine ganz andre, jeder 'Wissenschaft' entzogene Ebene des Geistes projiziert: präziser: eine gänzlich heterogene Fragestellung vorgenommen. Keine Fachwissenschaft und keine noch so wichtige wissenschaftliche Erkenntnis - und die Freud'schen Entdeckungen, wenn sie sich endgültig bewähren, rechne ich ganz gewiss zu den wissenschaftlich wichtigen - gibt 'Weltanschauung'. Und umgekehrt: in eine fachwissenschaftliche Zeitschrift gehört kein Aufsatz, der eine Predigt sein will - und eine schlechte Predigt ist."

Den Grossteil seines Briefes füllt Weber jedoch mit Tiraden und persönlichen - mit Rücksicht auf Else Jaffés Beziehung zu Otto Gross gewiss im Ton noch gemilderten - Invektiven gegen den "einfachen Confusionsrat", der das Ideal des "ganz banalen gesunden Nervenprotzes" verkünde; dessen "Kinderwindeln" [2x !] auf keinen Fall "in unserem 'Archiv' gewaschen" werden dürften, etc. Bemerkenswert ist darüberhinaus, dass Weber die Gründe seiner Ablehnung nicht dem Autor mitteilen wollte ("cui bono?"), geschweige denn, dass er bereit gewesen wäre, diese - etwa als Replik auf Gross - zu veröffentlichen. Wie Freud setzte er darauf, speziell dieser Auffassung erst gar kein Forum zu bieten; jedem Interessierten durch sein Schweigen zu signalisieren, dass Ansichten, wie sie Gross vertrat, nicht Gegenstand einer akademischen Diskussion sein können und dürfen.

Obwohl der Gross'sche Aufsatz bislang verschollen blieb, erhellt aus Gross' früheren und späteren Schriften doch, dass die Auffassung, die Weber sichtlich bis auf's Blut gereizt hat, grob formuliert, die folgende gewesen sein wird: Wenn "fachwissenschaftlich" feststünde, dass die frühkindliche Introjektion des "Fremden" (die Errichtung eines irrationalen Über-Ichs) einen "inneren Konflikt" mit dem "Eigenen" verursacht, der Quell dauerhaften Krankseins und Leidens ist, dann folgte aus diesem "Sein" - es sei denn, man wünscht dem Kind das Leiden - ein "Sollen": nämlich, dass solche Introjektion minimiert werde - und dass die Wissenschaft die

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Mittel dazu erarbeiten möge. Obwohl die von Weber als Fachwissenschaft anerkannte Psychoanalyse diesen Zusammenhang noch keineswegs bewiesen oder gar etabliert hatte, hielt Weber ein solches Ergebnis ("vielleicht in 2-3 Jahrzehnten") offenbar für möglich und fürchtete um die Fortexistenz jener ihm heiligen, nicht genauer benennbaren "ganz andren, jeder 'Wissenschaft' entzogenen Ebene des Geistes", auf der bisher "um Werte gestritten" wurde. - Hier wird die nach wie vor bestehende Aktualität der Gross'schen Provokation greifbar: ist doch das Postulat der "Wertfreiheit der Wissenschaft" der vielleicht heiligste Bestand auch der meisten gegenwärtigen Philosophien.

4.2.2 Carl Schmitt

Bereits eingangs (Kap. 3.1) schrieb ich, dass ein wesentlicher Anstoss zur (Wieder-)Entdeckung von Otto Gross einer kurzen, aber prägnanten Erwähnung seines Namens durch Carl Schmitt (1888-1985) zu verdanken ist. Schmitt hatte 1922 im letzten Kapitel seines schmalen Bandes »Politische Theologie« geschrieben: "Alle anarchistischen Lehren, von Babeuf bis Bakunin, Kropotkin und Otto Gross drehen sich um das eine Axiom: le peuple est bon et le magistrat corruptible..." Der Anarchismusforscher Hansjörg Viesel las dies und war - weil ihm als langjährigem Experten ein Anarchist namens Gross nie begegnet ist - davon so beeindruckt, dass er einen Briefwechsel mit (dem nach 1945 als "unbelehrbar" geächteten) Schmitt begann, in dessen Verlauf Schmitt, im Abstand von fünfzig Jahren, sich weiter zu Gross äusserte. "Was mich an Otto Gross beeindruckte, war die Direktheit seiner Aussagen, die sofort auf das für mich Wesentliche (Pol. Theologie) stiessen. Wer das hilflose Gerede über 'Anarchismus' kennt, das unter Juristen üblich war (Stammler, Eltzbacher), wird das besser verstehen als andere." - "Die [meine=Schmitts] Nennung des Namens Otto Gross ... ist eine gezielte Herausforderung, sich mit diesem wichtigen und aufschlussreichen Phänomen zu befassen ... Umsonst. Nicht das leiseste Echo, weder rechts noch links, noch in einer (imaginären) Mitte." - "Die Herausforderung", erläuterte Schmitt auf Nachfrage, "galt der damaligen offiziellen Universitätswissenschaft und ihrer Art von Behandlung solcher Probleme wie dem des Anarchismus. Max Weber ... hat keine 'Soziologie des Anarchismus' geschrieben oder auch nur geplant. In seinem Hauptwerk 'Wirtschaft und Gesellschaft' kommt das Wort nicht vor..." (57)

Hier drängen sich natürlich sofort einige Fragen auf: Warum hat Schmitt selbst damals Gross nur kurz in einem Nebensatz erwähnt? Warum hat er in den folgenden fünfzig Jahren kein Wort mehr zu Gross, den er 1922 ebenso wie 1973 als ein "wichtiges und aufschlussreiches Phänomen" einstufte, geschrieben? Warum hat er seine "gezielte Herausforderung" in so leicht überlesbare Worte gekleidet? Warum hat nicht er selbst sie angenommen und ihr mit einem Artikel oder gar Buch Nachdruck verliehen? Warum hat er, nachdem er spürsicher eine heikle Schwachstelle bei

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Weber ausgemacht hatte, diesen nicht dort gezielt attackiert? Eine Antwort auf diese zusammenhängenden Fragen ist freilich nur in Form einer plausiblen Spekulation zu geben. Es trifft sich nämlich, dass in Schmitts geistiger Entwicklung ausgerechnet Max Stirner eine ebenso verschwiegene, gleichwohl kaum zu überschätzende Rolle gespielt hat wie in der von Gross (vgl. Kap. 5) - im Einzelnen dargelegt in meinem Buch »'Katechon' und 'Anarch'«. (58) Danach liegt es durchaus nahe, dass Schmitt beide, Stirner und Gross, ideengeschichtlich assoziierte und Gross aus dem gleichen Grunde über lange Strecken seines Lebens "verdrängte" wie Stirner. (59) Dass der 85-jährige sich über Viesels Weckung der Erinnerung an Gross - und beiläufig auch an Stirner: Schmitt schickte Viesel einen Stirner betreffenden Ausriss aus seinen Gefängnisnotizen »Ex captivitate salus« - freute, spricht nicht gegen diese Vermutung. Eine detaillierte Diskussion müsste allerdings die Kenntnis meines erwähnten Buches voraussetzen.

4.3 Von Anarchisten und Literaten

4.3.1 Diverse Schriftsteller

Die Literatur über Otto Gross befasst sich zum überwiegenden Teil mit dem unsteten Lebensgang ihres Helden: mit seinen Drogensüchten und Entziehungskuren, mit seinem Verteidigungskampf gegen seinen Vater, der ihn schliesslich entmündigen liess; mit seinen Aufenthalten in Irrenanstalten; mit seinen Frauen und Patientinnen (und deren Schicksalen), insbesondere aber auch mit seinem Einfluss auf eine Reihe von Bohèmiens, Anarchisten und Literaten, in Wien, München, Berlin, Heidelberg und - vor allem - in Ascona am legendären Monte Verità. Jennifer Michaels zählt im Untertitel ihrer einschlägigen Studie »Anarchy and Eros« folgende Namen auf: Leonhard Frank, Franz Jung, Johannes R. Becher, Karl Otten, Curt Corrinth, Walter Hasenclever, Oskar Maria Graf, Franz Kafka, Franz Werfel, Max Brod und Raoul Hausmann. In einigen Romanen oder Romanfragmenten einiger dieser Autoren agiert eine Figur, die nach Gross gezeichnet ist, wie ihn der betreffende Autor wahrgenommen hat. Gross hat offenbar auf viele dieser Menschen Eindruck gemacht oder gar charismatisch gewirkt; doch stets nur für kurze Zeit. Sie alle, auch seine Frauen, haben sich nach einer Phase der leidenschaftlichen Zuwendung von ihm bzw. von der Idee, mit der er zeitlebens rang, wieder abgewandt - oft in Bitterkeit, Resignation oder Hass. Schliesslich starb er vereinsamt und verelendet.

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4.3.2 Gustav Landauer

Oft ist zu lesen, Otto Gross habe Einfluss auf "den Anarchismus" gehabt. Zu belegen ist diese Behauptung jedoch kaum (vgl. Viesels Überraschung, Kap. 3.1). Zwar hat Gross gewusst, dass die Erkenntnisse der Psychoanalyse Freuds - gegen Freuds Intentionen - für die anarchistische Vision von entscheidender Bedeutung sind; zwar hat er dies auch in Schrift und Wort propagiert; allein die Anarchisten - ob "kollektivistisch", "individualistisch", "dadaistisch" oder sonstwie orientiert - wollten davon nichts wissen. Einige wandten sich sogar gegen Gross, besonders engagiert der damals als Herausgeber des »Sozialist« einflussreiche Gustav Landauer. Er wollte wohl zunächst, wie Freud, Jung, Weber et al., Gross ganz totschweigen, presste dann aber doch noch einen Hassausbruch in eine Fussnote: "Hierzu sei mir, der zuerst im 'Sozialist' den verbrecherischen Wahnsinn von Psychoanalytikern erwähnt hat, eine Anmerkung gestattet. - Wer nicht mit diesem Kreisen in Berührung kam, hat keine Vorstellung von ihrem Treiben. - Einer der schlimmsten Freudianer, ein Nervenarzt, der es verstanden hat, sich so bekannt zu machen [Gross] ... Es ist nicht zu entscheiden, ob er aus Wahnsinn zur Psychoanalyse oder aus Psychoanalyse zum Wahnsinn kam." (60) Der Anarchist Landauer wandte zur Bekämpfung von Gross die gleiche Methode an wie die genannten "Bürgerlichen": erst verweigerte er Gross das Argument und dann das Forum seiner Zeitschrift (»Sozialist«) für eine Entgegnung auf seine Schmähung.

4.3.3 Fritz Brupbacher

Gross fühlte sich durch das Desinteresse und erst recht durch die Feindseligkeit der Anarchisten sehr getroffen. Er schrieb damals, 1912, an den Zürcher Arzt und Anarchisten Fritz Brupbacher (1874-1945), den er wohl aus Zürcher Tagen als "Collegen" persönlich kannte: "Ich trage mich schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, selber ein Blatt herauszugeben, etwa 'Organ für psychologische Probleme des Anarchismus', in dem [die] radikal individualistischen und allen bestehenden Institutionen schroff widersprechenden Ergebnisse einer konsequenten Erforschung des Unbewussten behandelt werden sollten - als einer Art von innerlich revolutionärer Vorarbeit. - Mir ist nur der Impuls dazu vorläufig recht gehemmt worden durch eine widrige Affäre mit Landauers Blatt [...] Ich habe damals eine Erwiderung eingesendet, die ich als eine der bestgelungenen von meinen Arbeiten empfinde, und in der ich vor allem die unabsehbare Zukunft der Psychoanalyse gerade als Seele der revolutionären Bewegung von morgen begreiflich zu machen versucht habe. Landauer hat die Publikation dieser Antwort abgelehnt. [...] Dass ich dadurch gerade in den Kreisen, um die es mir zu tun ist, im vorneherein diskreditiert bin - und überhaupt, dass mir gerade von anarchistischer Seite das geschieht - als Antwort auf den ersten Versuch, im Dienst des

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Anarchismus mein Können zu verwerten, das hat mich so verstimmt, dass seither eine Hemmung mehr auf meinen Arbeiten liegt..." (61)

Brupbacher hatte bereits 1908 sehr ähnliche Ansichten wie Gross vertreten: "Die neue, sogenannte Freud'sche Schule ... ist eigentlich eine anarchistische Schule. Sie kommt zum Schluss, dass die Freiheit, die volle Entwicklung des Individuums, die Voraussetzung ist, will man die krankhaften seelischen Erscheinungen aus der Welt schaffen. Will diese Richtung in der Therapie konsequent sein, so muss sie Möglichkeit schaffen für die Entfaltung der Triebe des Menschen." (62) Trotz dieser Nähe ihrer Auffassungen scheinen Gross und Brupbacher nicht in näheren Kontakt getreten zu sein. Brupbacher scheint zu Gross auf Distanz gegangen zu sein, scheint dessen weitere Entwicklung, seine anarchistischen/kommunistischen Artikel, nicht mehr wahrgenommen zu haben. In seiner Autobiographie (»Sechzig Jahre Ketzer«, 1935), in der er viele Namen paradieren lässt, fehlt jedenfalls der des Otto Gross.

4.3.4 Erich Mühsam

Auch Erich Mühsam, der bereits erwähnte bekannte Bohèmien und Anarchist, der viele Jahre mit Gross eng befreundet gewesen war (Kap. 4.1.1), hat sich stillschweigend von Gross entfernt, d.h. vor allem: von dessen Idee und Vision - wenn er ihr denn je sehr nahe stand. Möglicherweise sah er sich durch Gross wieder an die Stirner'sche Idee herangeführt, der er - bevor er Gross kennengelernt hatte - "gefährlich" nahe gekommen und nur mit Not entronnen war (vgl. Kap. 5.1). In Mühsams Memoiren »Unpolitische Erinnerungen« fällt auf, dass darin viele "alte Freunde" und "Freunde" vorkommen, Otto Gross aber offenbar nicht zu ihnen zählt. Ihn nennt Mühsam, auf Distanz bedacht, den Psychiater oder Psychoanalytiker "Dr. Otto Gross". Als eine groteske Kompensation dieses ihm vielleicht unterschwellig bedrückenden Verrats an einem - trotz privater Differenzen - wirklichen alten Freund bezeichnete Mühsam ausgerechnet Gross als "den bedeutendsten Schüler Sigmund Freuds". Aber er schwieg über Gross' Schicksal als Paria, der sowohl von Freud und den Psychoanalytikern als auch - was Mühsam direkt betraf - von den Anarchisten jeglicher Richtung wortlos abgewiesen oder intrigant bekämpft worden war und nicht zuletzt deswegen elend zugrunde ging. Mühsam schwieg nicht nur hier, sondern ebenso in seinen zahlreichen sonstigen Publikationen, darunter in 5 Bänden seiner eigenen Zeitschrift »Fanal« (1926-1930), besonders eklatant aber in

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seiner letzten publizierten Schrift, in der er sich speziell mit Freud, dessen Schülern und Abtrünnigen befasste. (63)

4.3.5 Franz Jung

In diesem Abschnitt wäre noch der Schriftsteller Franz Jung (1888-1963) zu nennen, der ebenfalls einige Jahre mit Gross eng befreundet und von seinen Ideen begeistert gewesen war. Er schreibt in seiner Autobiographie, dass diese Freundschaft schon während der Kriegsjahre "an einer Reihe äusserer Umstände verblasst und schliesslich ganz zerbrochen" ist. Innere Umstände dürften für Jungs Abkehr von Gross zumindest ebenso ursächlich gewesen sein. Jedenfalls blickt Jung auf jene Zeit zurück wie auf einen naiven Jugendtraum: "Es war eine Mischung von Respekt und Glaube, das Bedürfnis zu glauben und zu verehren, aufzunehmen und zu verarbeiten, was er uns ständig einhämmerte. [!] Für Gross selbst war ich vielleicht nicht viel mehr als eine Figur auf dem Schachbrett seiner Gedankenkombinationen..." Und der im Leben gereifte Jung gesteht nun gern ein, dass es für ihn "schwierig gewesen [sei, Gross'] Gedankengängen zu folgen" (64) - was freilich, wie man sich hinzudenken darf, an der Abwegigkeit bzw. Weltfremdheit dieser Gedanken gelegen hat.

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Zusammenfassend möchte ich zwar nicht bestreiten, dass Gross, wie oft gesagt wird, einen zeitweiligen Einfluss auf die genannten und einige weitere Literat/inn/en und Anarchisten gehabt hat, im Einzelfall auch einen starken; ich möchte aber zugleich behaupten, dass dieser Einfluss in keinem einzigen Fall spezifisch war - was heissen soll: keiner derjenigen, die einmal von Otto Gross bzw. seinen Ideen fasziniert gewesen sind, hat wirklich die eine grosse Idee erfasst, um die er selbst bis zuletzt gerungen hat. Seine geborenen, ihre kulturkonservative Position unbeirrt hochhaltenden Antipoden dagegen, Sigmund Freud und Max Weber, erfassten oder erahnten sie zumindest deutlich genug, um sie - weil sie "die Kultur" unterminiere - mit der in diesem Falle effektivsten Methode, durch vorbildhaft verachtendes Schweigen, im Keim zu ersticken.

5. Kannte Otto Gross Max Stirner ?

Die Generation von Otto Gross, geboren 1877, war geradezu dafür prädestiniert, sich mit Stirner auseinanderzusetzen. Stirners Buch »Der Einzige und sein Eigentum« war 1844 erschienen und bald darauf für ein halbes Jahrhundert verschollen -

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einige meinten auch: "sekretiert" - gewesen, bevor es in den 1890er Jahren, im Gefolge des phantastischen Ruhms Nietzsches, wiederentdeckt wurde. Nun wurde Stirner, den manche als Vorläufer Nietzsches ansahen, bis weit ins 20. Jh. allenthalben in Kulturzeitschriften und Feuilletons diskutiert. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Gross Stirner damals nicht begegnet ist; ebenso, dass er, als gelegentlich bekennender Nietzscheaner, an ihm kein Interesse gehabt haben könnte.

Gleichwohl: Gross hat Stirner in seinen Schriften nirgendwo genannt - obwohl es sachlich an manchen Stellen durchaus geboten gewesen wäre. Sieht man Gross' Schriften sehr genau durch - und weiss man, dass "Max Stirner" das Pseudonym für Johann Caspar Schmidt ist - so stutzt man bei der folgenden, etwas apokryphen Stelle in einem Aufsatz von 1914: "Das Wesen der mutterrechtlichen Institution besteht darin, dass die materielle Vorsorge für die Mutterschaftsmöglichkeit der Frau von allen Männern der Gesellschaftsgruppe - hier also des ganzen Stammes - gewährleistet wird. ... Die Mythologie aller Völker bewahrt die Erinnerung an den prähistorischen Zustand des freien Mutterrechts in der Idee von einem gerechten goldenen Zeitalter und Paradies der Urzeit, und dass die Hoffnung auf eine bessere Menschheitszukunft auf eine Wiederkehr des freien Mutterrechts gerichtet sein muss, wird nach den Arbeiten Caspar Schmidts wohl nicht mehr lange zweifelhaft sein." (65) Es gibt aber gar keinen Caspar Schmidt, der über das Mutterrecht geschrieben hätte; es gibt überhaupt keinen Autor namens Caspar Schmidt - ausser dem, der unter dem Pseudonym Max Stirner geschrieben hat. Gross' merkwürdiger Halbsatz, in dem er von der gesicherten Hoffnung auf eine bessere Zukunft spricht, enthält also eine eklatante klassische Fehlleistung. Diese wäre zu analysieren, was aber produktiv nur dem gelingen kann, der nicht nur über ein möglichst vollständiges Bild von Gross verfügt, sondern auch die Palette der manchmal fast unglaublichen Vorgänge der Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte von Stirners »Einzigem« zur Hand hat. (66) - Gross selbst hat seine Fehlleistung offenbar später bemerkt und die Passage in einer gekürzten Fassung dieses Artikels kommentarlos getilgt. (67) Ob er sie je problematisiert und analysiert hat, ist nicht bekannt.

Es gibt noch ein anderes Dokument, das hier von Interesse ist: das Protokoll eines Gesprächs, das zwei Anstalts-Psychiater 1913 mit Gross im Rahmen einer "Exploration" seines Geisteszustands führten. Darin heisst es, Gross habe gesagt: "Wir stehen alle in den Suggestionen, die wir Erziehung nennen. Ich glaube, dass es eine angeborene Ethik gibt, die mit der angeborenen Sexualität in Kontakt steht; dass diese

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angeborene eine andere als die aufgezwungene ist. Der Einzige, der das erkannt hat, ist der Nationalökonom Kaspar Schmidt..." Auch hier hebt Gross Stirner wieder als exzeptionellen und - im weiteren Kontext des Gesprächs erkennbar - zukunftsträchtigen Denker hervor (implizit: der auch durch Nietzsche, zu dem Gross sich in seinen Schriften oft ohne Scheu bekennt, nicht erreicht wurde), benutzt aber wiederum dessen nur Kennern geläufigen wahren Namen und ordnet ihn wieder in einer Fehlleistung einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin zu. (68)

Obwohl das Protokoll der Aussagen Gross' nicht immer zuverlässig zu sein scheint (69), klingt die Fortsetzung des obigen Zitats durchaus authentisch: "[Kaspar Schmidt], der aber nicht erkannte, dass das ohne Änderung des Bestehenden nicht durchzuführen ist; und weil ich alles [?!] geändert wissen will, so bin ich Anarchist."

Diese Äusserung signalisiert eine merkwürdige Haltung gegenüber Stirner, die allgemein bei Anarchisten und Literaten der Bohème vorherrschte. Erich Mühsam etwa (Kap. 4.3.4), Gross' zeitweilig intimer Freund, äusserte sich in seinen zahlreichen Publikationen ebenfalls nie zu Stirner; wohl nur der Drang, eine gewichtige Dankesschuld gegenüber seinem ermordeten Freund Gustav Landauer abzutragen, veranlasste ihn schliesslich, öffentlich zu erwähnen, dass Landauer ihn in jungen Jahren, als "gewisse Schwankungen in der Auffassung" ihn, Mühsam, "zeitweilig in die Nähe Stirners trieben", aus dieser offenbar als grosse Gefahr empfundenen Situation befreit habe. (70) Mühsams Einstellung gegenüber Stirner - richtig: deren Verborgenheit - ist exemplarisch. Trotzdem hält sich, bisher unkorrigierbar, der Mythos, Stirner sei der Philosoph des Anarchismus, des Dadaismus, der Bohème etc gewesen. Selbst in Spezialforschungen mag man - gegen alle Evidenz - nicht von dieser Mär lassen. So stellt Lehner erstaunt fest, "dass bei vielen Autoren [dieser Richtungen] ein Zusammenhang mit individualanarchistischen [Stirner'schen] Auffassungen vermutet werden kann, dass aber eine explizite Bezugnahme auf Stirner entweder ganz vermieden wird oder nur eine beiläufige Erwähnung Stirners aufzufinden ist." Trotzdem nennt Lehner die Stirner-Rezeption dieser Autoren "eine der Prämissen, von denen wir auszugehen haben." Lehner unterlässt es somit, die von ihm selbst konstatierte

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ambivalente bis phobische Haltung der von ihm untersuchten Autoren - auch Gross ist einer von ihnen - zu problematisieren. (71)

Wenngleich die Frage, ob Gross Stirner gekannt hat, zu bejahen ist, können die Belegstellen erst im grösseren Kontext der sonstigen Rezeptionen Stirners fruchtbringend gedeutet werden, derjenigen in seinem unmittelbaren Umfeld, aber auch derjenigen Nietzsches, auf den Gross sich oft explizit ohne jene Hemmungen bezieht, die er bei Stirner hat. (72)

6. Kannte Wilhelm Reich Max Stirner / Otto Gross ?

In dem umfangreichen Werk, das Wilhelm Reich (1897-1957) zu Lebzeiten veröffentlichte, taucht der Name Stirner nur ein einziges Mal auf, und zwar als der des Autors von »Der Einzige und sein Eigentum« in einer Liste von weit mehr als hundert Büchern, die Reich seinem Spätwerk »The Murder of Christ« (1953) angefügt hat. Im Text ist jedoch kein ausdrücklicher Bezug zu Stirner zu finden, so dass hier, wie bei Gross' verklausulierter Stirner-Nennung, vermutet werden kann, dass eine Fehlleistung vorliegt, der »Einzige« also unabsichtlich in die Liste geraten ist. Denn aus Reichs postum veröffentlichtem Tagebuch seiner frühen Jahre ist zu sehen, dass Stirner für ihn durchaus keine Randfigur gewesen ist; ja, dass der junge Psychoanalytiker den verpönten Denker geradezu verehrte: "Max Stirner, der Gott, der 1844 sah, was wir 1921 nicht sehen!" ruft er an einer Stelle aus, wobei er mit "wir" natürlich die verblendeten Anderen meinte, an dieser Stelle speziell die Kommunisten, aber wohl auch die Psychoanalytiker. (73) Aus der ebenfalls postumen Veröffentlichung des Manuskripts eines Vortrags, den Reich im Oktober 1920 anlässlich seiner Aufnahme in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung gehalten hat, geht hervor, dass er damals dort seine Hochschätzung Stirners noch äusserte, wenn auch zurückhaltend. (74)

Was folgte, ist nur zu erraten. Unstrittig dürfte sein, dass Stirner - obwohl ein eminent psychologischer Denker - den Psychoanalytikern unbekannt oder persona non grata  war und bis heute ist: er wurde, anders als z.B. Nietzsche, Schopenhauer oder andere Philosophen oder auch Dichter, von Psychoanalytikern nie herangezogen, wurde auch in ihren zahlreichen fachüberschreitenden Arbeiten niemals auch nur erwähnt. Dieser kollektive Bann konnte dem jungen Stirner-Enthusiasten Reich, als

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er dem Kreis um Freud beitrat, nicht verborgen geblieben sein. Jedenfalls entschloss er sich offenbar, den Namen Stirner nie mehr zu nennen, sich auf rein klinische Arbeiten zu konzentrieren und dort seine "stirnerianische" Position auf die Probe zu stellen.

Die Beiträge, die Reich zur Entwicklung der Psychoanalyse in Theorie und Praxis lieferte, waren so herausragend, dass viele in ihm schon den "Kronprinzen" des greisen und kranken Freud sahen -- bis auf Freud selbst. Freuds tiefe Skepsis gegenüber seinem jungen, tüchtigen und erfolgreichen Schüler erwachte spätestens, als Reich ihm zum siebzigsten Geburtstag 1926 sein Buch »Die Funktion des Orgasmus« widmete, in dem sein Unwille, sich dem Dogma der "wertfreien Wissenschaft" (vgl. Kap. 4.2.1) zu beugen, stellenweise deutlich wird. Weil aber Reich sich stets, in Konzentration auf das Klinisch-Wissenschaftliche, auf den Kliniker Freud berief, sich als dessen treuester Schüler darstellte, war es für den Kulturphilosophen Freud schwierig, gegen ihn vorzugehen: er beschränkte sich deshalb zunächst darauf, zu Reichs Arbeiten zu schweigen - was vor allem die engeren Mitarbeiter Freuds als unmissverständliches Signal verstanden. Doch Reich ging seinen Weg weiter, und gewann, besonders bei den jungen Analytikern, eine ausgezeicnete Reputation, so dass Freud schliesslich, anlässlich einer wiederum rein klinischen Arbeit Reichs, »Der masochistische Charakter«, sozusagen die Notbremse zog: "Schritte gegen Reich!" Diese Notiz vom 1.1.1932 in Freuds privater »Kürzester Chronik« dokumentiert den Beginn eines der unglaublichsten geheimen Ketzerprozesse - unglaublich vor allem wegen der Willigkeit der Psychoanalytiker, sich mit Freuds unausgesprochenem Wunsch, die Diskussion des Konflikts zwischen ihm und Reich zu vermeiden, zu identifizieren. Sie haben dann den durch Geheimbeschluss verfügten und nie begründeten Ausschluss Reichs - immerhin aus einer der bedeutendsten Aufklärervereinigungen des zwanzigsten Jahrhunderts ! - stillschweigend akzeptiert und als Thema auf Jahrzehnte hinaus erfolgreich tabuisiert. (75)

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Zur Frage, ob Wilhelm Reich von den Auffassungen und vom Schicksal des Psychoanalytikers Otto Gross wusste, lassen sich nur Vermutungen äussern. Gross' Name jedenfalls taucht in keiner Schrift und in keinem der bisher zugänglichen Dokumente Reichs auf. Aber es ist durchaus möglich, dass Reich in den Jahren 1918/19 in Wien, als auch Gross zeitweilig dort lebte, von ihm erfuhr; oder auch später noch, z.B. von dem KP-Mann Otto Kaus, der für seinen "der Sache aller Proletarier mit allen seinen Kräften ergebenen" Genossen Otto Gross einen pathetischen Nachruf geschrieben hatte. (76) Allerdings ist zweifelhaft, ob gerade Kaus bei Reich Interesse für Gross hätte wecken können, denn Reich hatte ihn und vor allem seine Frau Gina als Salonkommunisten erlebt und verachtete sie deshalb als Träger des "fünfzackigen Lügensterns". (77)

Von höherer Wahrscheinlichkeit ist, dass Reich Gross als Autor der damals noch gut überschaubaren psychoanalytischen Literatur kennen gelernt hat, auch und vielleicht gerade, weil Gross von Freud und den älteren Analytikern - anders als die berühmten Abtrünnigen Adler, Jung und Stekel - mit einem Bann des Schweigens belegt worden war. Auch Ferenczis in Ton und Inhalt merkwürdige Rezension (Kap. 4.1.2) könnte Reich hellhörig gemacht haben - oder schlicht der psychoanalytische Klatsch, der noch in den dreissiger Jahren gelegentlich von Gross als verschollenem "Genius" raunte. (78) Natürlich gab es im Nachkriegs-Wien noch zahlreiche andere Möglichkeiten, durch die Reich von Gross, von seinen Ideen und seinem Schicksal erfahren haben konnte. Falls Reich damals die Ähnlichkeit seiner Grundauffassung mit der von Gross wahrgenommen hat, wird er bewusst vermieden haben, sich auf ihn zu berufen. Er wird vielmehr eingedenk des effektiven Banns, dem Gross unterlag, seine publizistische Strategie entwickelt haben, stets im Namen des Wissenschaftlers und Klinikers Freud zu sprechen, wenn er (meist verklausuliert) gegen den Kulturphilosophen Freud argumentierte.

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7. Der "Imperativ der Zukunft": super-ego esse delendum!

Ich habe versucht, das Phänomen Otto Gross aus einer Perspektive zu betrachten, die dessen sonst meist ins Auge fallenden Aspekte - Gross als Psychiater, Psychoanalytiker, Kokainsüchtiger, Anarchist, Bohèmien, Libertin, Erotiker, Feminist - in den Hintergrund geraten lässt und den einen Gedanken, um dessen Ausbau es Gross im Wesentlichen ging, um so deutlicher hervorhebt: den des "inneren Konflikts des Eigenen und des Fremden." Dies klingt für die Heutigen nicht so, als könne Gross sie etwas lehren; und sein gelegentliches Pathos klingt ihnen gewiss befremdlicher noch als seinen Zeitgenossen: "Dass die Menschen je vergessen konnten, wie elend sie sind - wie elend sie sich machen - diese Frage will Antwort haben. Es ist die Frage nach der Menschheitspsychose ... auf die zu antworten wir uns berufen fühlen." (79) Wenn heute also dargestellt wird, was Gross aus der Anwendung der damaligen psychoanalytischen Erkenntnisse auf die "Gesamtprobleme der Kultur" als den "Imperativ der Zukunft" (80) entwickelte, wird es schwer sein, zu vermitteln, dass diese Zukunft keineswegs im Laufe des letzten Jahrhundert zu Vergangenheit wurde, sondern noch immer vor uns liegt bzw. liegen könnte.

Der "innere Konflikt des Eigenen und des Fremden" war das Thema, das Gross von Anfang an umtrieb. In seinen frühen Schriften, die in der heute schwer verständlichen Fachsprache der damaligen Psychiatrie verfasst sind, ist dies noch kaum erkennbar. In einem 1909 (nach dem Salzburger Kongress und der Jung'schen "Therapie") erschienenen, noch im gleichen Stil verfassten Buch heisst es schon deutlicher: "Der Kern aller ideogenen Störungen stammt immer aus der Kindheit. Die typischen Erziehungen und Milieu-Verhältnisse des Kindes in der Familie bedingen die exogene, die hohe Suggestionsempfänglichkeit der Kindheitsphase die endogene Ätiologie der ideogenen Alterationen. Die eingeborenen, individuellen eigenen und die von früh auf suggerierten fremden Entwicklungs- und Assimilationstendenzen sind eigentlich die souveränen Gegenstrebungen im pathogenen Konflikt. Die Frühsuggestionen der Erziehungstendenz und des Nachahmungszwanges im Familienmilieu fixieren die fremden Impulse, die mit der Individualität in unlösbarem Gegensatz stehen und so die pathogenen Dauerkonflikte bedingen. Die wirklich trennenden Kontraste der 'zerrissenen' Psyche sind nur als Gegensatz des Eigenen und Fremden möglich. - Ich glaube darum auch sagen zu können: Die psych[o]analytische Heilung der ideogenen Zerrissenheit ist die Befreiung der individuell präformierten Zweckmässigkeit vom suggestiv fixierten fremden Willen der infantilen Umgebung." (81)

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Diese im Buch leicht zu überlesende Passage hob Gross fünf Jahre später in einem noch immer fachpsychiatrischen Artikel hervor. (82) Aber er begann nun, seine Ideen einem allgemeineren Publikum vorzustellen. (83) Jenen Artikel hat er gekürzt und unter dem Titel »Vom Konflikt des Eigenen und Fremden« publiziert. Darin heisst es: "Das Kind ... erlebt zugleich mit dem Beginnen des Erlebenkönnens, dass seine angeborene Wesensart ... von niemandem gewollt ist." Vor der Alternative "Sei einsam oder werde, wie wir sind!" sei das Kind von seiner Triebanlage her gezwungen, "sich anzupassen: die Suggestion fremden Willens, welche man Erziehung nennt, wird in das eigene Wollen aufgenommen." Die Folge sei "der innere Konflikt des Eigenen und Fremden, die innere Zerrissenheit, das Leiden an sich selbst." (84)

Gross bezeichnet als "Selbstbefreiung", ganz im Sinne von Stirners "Empörung", die "Annullierung der Erziehungsresultate zugunsten einer individuellen Selbstregulierung." (85) Er sah das Fremde, Konflikterzeugende, Seelenzerspaltende, Leidschaffende, Pathogene, die Quelle der sich von Generation zu Generation gleichsam vererbenden "Menschheitspsychose" in dem automatischen, unreflektierten Vorgang der Introjektion von Normen, Werthaltungen etc., dem das Kleinkind wehrlos ausgesetzt ist; in dem, was Freud später - freilich affirmativ: als Grundlegung der Kulturfähigkeit - die Errichtung des Über-Ichs nannte. Gross hätte also seinen "Imperativ der Zukunft" zu Recht so formulieren können: super-ego esse delendum!

Nur diesen "Imperativ der Zukunft", den bei Gross in variierender Form oft wiederkehrenden Kerngedanken, möchte ich hier hervorheben und festhalten. Gross' weiteres Theoretisieren um ihn herum, seine Berufung auf (die diesen Gedanken scharf ablehnenden) Nietzsche und Freud, auf Bachofen, seine Vorschläge und Anstrengungen, um diesen Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen, sein Optimismus hinsichtlich sowohl der Ergebnisse der (individuellen) Psychoanalyse als auch der Auswirkungen einer (proletarischen) Revolution, etc. -- all dies ist hier, wo es um die Stellung Gross' zwischen Stirner und Reich geht, nebensächlich.

Ich habe in zwei längeren Essays, auf die ich hier nur verweisen kann, dargelegt, dass in den Werken von Stirner und Reich, so vielseitig und umfassend sie auch sind, letztlich, nach Abstraktion von allen zeit-, kontext- und biographiebedingten Theoremen und Akzidentien, die "Negation des irrationalen Über-Ichs" als Kerngedanke

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bestehen bleibt. (86) Auf dieser Grundlage ist Gross - als m.W. einziger Autor dieses Zeitraums - "zwischen" Stirner und Reich zu situieren: in dem Sinne, dass er den gleichen Kerngedanken vertreten, den gleichen "Imperativ der Zukunft" verkündet hat wie sie.

Eingedenk der nur bedingten Brauchbarkeit der vorgefundenen Sprache zur Formulierung radikal neuer Gedanken, eingedenk auch der Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten von Texten und der begrenzten fachlichen Kompetenz derer, die heute jene alten Texte interpretieren (mich natürlich eingeschlossen), und eingedenk dessen, dass der "wissenschaftliche" Gehalt jedenfalls der hier zur Debatte stehenden Schriften von nur sehr bedingter Relevanz ist, halte ich das Studium der Rezeptionsgeschichten jener Werke für das wichtigste Hilfsmittel zu ihrer Beurteilung. Und wieder kann ich auf Vorarbeiten nur verweisen, in denen ich minutiös gezeigt habe, dass die Rezeptionsgeschichten von Stirner und Reich in Wahrheit Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichten sind: dass Stirner primär von Marx und Nietzsche und Reich von Freud im Doppelsinne (psychisch und ideengeschichtlich) "verdrängt" und verblüffend mühelos zu Unpersonen der Ideengeschichte gemacht werden konnten. (87) Auch in dieser Hinsicht passt Gross ausgezeichnet "zwischen" Stirner und Reich, wie ich in Kap. 4 abrissartig gezeigt habe: Gross fand keinen Schüler, keinen Mitarbeiter, niemanden, der seine Ideen aufgegriffen, bejaht und weiterentwickelt hätte; die Zeitgenossen - insbesondere Freud, Weber, C.G. Jung - spürten vielmehr sofort die Brisanz des Gross'schen Kerngedankens, seines "Imperativs der Zukunft". Sie sahen durch ihn "die Kultur" in Gefahr und fühlten sich deshalb berechtigt, ja verpflichtet, ihn rücksichtslos und mit den effektivsten Mitteln zu ersticken.

Dieser Kerngedanke, der in der Konsequenz des grossen Projekts der europäischen Aufklärung liegt, wurde bisher nur sehr selten zu fassen versucht, und jeweils wurden die konsequenten Aufklärer primär von den zahlreichen inkonsequenten - und leider deshalb auch populären - Aufklärern durch stillschweigende Ächtung ausgeschaltet, auf Dauer zu Unpersonen gemacht. Das erging La Mettrie so, der von Voltaire, Diderot et al. in Briefen diffamiert, sonst totgeschwiegen wurde und seither bis heute nur als das Klischee "L'homme machine" wahrgenommen wird. (88) Marx

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und Nietzsche haben Stirner in ihren - als Reaktion auf ihn konzipierten - Werken verschwiegen; ihre Adepten haben ihn später zu einer Fussnote zu diesen beiden prominentesten Aufklärern des 19. Jh. gemacht. (89) Und wie Freud, die letzte, das 20. Jh. bestimmende Galionsfigur der Aufklärung, mit Gross und Reich verfahren ist, habe ich oben bereits gesagt - aus Platzgründen leider sehr gerafft, obwohl hier die Details sehr wichtig sind. Freudianische Gesellschaftskritiker sind auf den Gedanken des "super-ego esse delendum" nur sehr sehr selten, dann kurz und vor allem in merkwürdiger Beiläufigkeit eingegangen. (90)

Gross konzipierte seinen "Imperativ der Zukunft" unter den obrigkeitsstaatlichen Verhältnissen des Kaiserreichs. Doch seine Zukunftsvision war alles andere als eine "Demokratie" heutigen Zuschnitts, deren Anfänge er nach 1918 noch selbst erlebte: "[Es] ist uns nichts so wesensinnerlich verhasst", schrieb er nach dem Ausbleiben der Revolution in Deutschland und der Konstituierung der Weimarer Republik, "[es] erscheint uns keine je noch aufgestellte Politik so furchtbar korrumpierend und gefährlich als die heutige des Kompromisses, dieser realpolitische Sozialismus der Vielzuvielen, der für das Proletariat und die Bourgeoisie miteinander den Boden gemeinsamer Anpassung herzustellen erraten hat - gemeinsamer Anpassung an den Geist des Bisherigen, um den Preis materieller Auskommensmöglichkeiten ein Mithinüberschleppen alles Wesentlichen aus der alten Ordnung." Die Rettung vor dieser das Kaiserreich ablösenden "Demokratie des [Nietzsche'schen] 'letzten Menschen'" erhoffte sich Gross - wie damals sehr viele Andere; wie Reich einige Jahre später - von der Diktatur des Proletariats, der die Aufhebung der "Entfremdung" und ein Absterben des Staats folgen sollte. (91) Wenn auch diese Hoffnung, wie auch die allgemeinere auf eine den Neuen Menschen automatisch hervorbringende "Revolution", nach den historischen Erfahrungen des 20. Jh. nicht mehr trägt, so gibt es doch heute - für jeden, der sich nicht mit der zeitgenössischen Ideologie "am Ende der Geschichte" dünkt - einen guten Grund, Otto Gross nicht nur aus Nostalgie zu lesen: seinen "Imperativ der Zukunft": super-ego esse delendum.


Anmerkungen:

Ich danke Gottfried Heuer für Hinweise auf Literatur, Versorgung mit Kopien schwer zugänglicher Texte und kritische Durchsicht einer frühen Fassung dieser Schrift


(1) Dehmlow, Raimund & Heuer, Gottfried: Otto Gross - Werkverzeichnis und Sekundärschrifttum. Hannover: Laurentius-Verlag 1999 (insgesamt 861 Einträge)

(2) Neubaur, Caroline: Der Konzessions-Otto. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. März 2002, S. 48; Verf. stellt, wie schon der süffisante Titel verrät, diese Frage freilich nicht im Ernst.

(3) vgl. ausser den im Netz zugänglichen, meist aber auch gedruckt vorliegenden, kleineren Arbeiten auch die Buchreihe »Stirner-Studien«: www.lsr-projekt.de/msstudien.html

(4) Für Literatur darüber, wie Marx und Nietzsche Stirner erledigten vgl. Anm. 29

(5) Viesel, Hansjörg: Jawohl, DER Schmitt. Zehn Briefe aus Plettenberg. Berlin/West: Support-Edition 1988.
Der Titel, den Viesel dem Büchlein gab, in dem er Schmitts Briefe an ihn herausgab (die meisten von 1973, der letzte 1977; zwar kommentiert, aber leider ohne seine Briefe an Schmitt), klingt wie eine trotzige Antwort auf Gerüchte in der linken Szene, ob es wirklich jener berüchtigte und verfemte Erzreaktionär Schmitt war, mit dem Viesel in Sachen Gross korrespondiert hatte.

(6) Carl Schmitt: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. München/Leipzig: Duncker & Humblot. S. 50
Auf Gross hebt auch ab S. 55: "Wenn heute Anarchisten in der auf väterlicher Gewalt und Monogamie beruhenden Familie den eigentlichen Sündenzustand sehen und die Rückkehr zum Matriarchat, dem angeblichen paradiesischen Urzustande, predigen, so äussert sich darin ein stärkeres Bewusstsein der tiefsten Zusammenhänge als ... bei Proudhon, der ... ein moralistischer Kleinbürger war."

(7) Viesel, a.a.O., S. 5

(8) Über die Gründe für die Einstellung des Buchprojekts ist aus den von Viesel edierten Schmitt-Briefen (Viesel, a.a.O.), nichts zu erfahren.
Hansjörg Viesel gab mir auf Anfrage folgende Auskunft:
"Dass der Gross-Band bei Kramer nicht erschienen ist, hing mit diversen Konstellationen und Situationen zusammen, die - falls man sich der Mühe unterziehen wollte, das einmal herauszuklauben - so viele Einschätzungen ergäbe, wie Einzelne daran beteiligt waren." (e-mail vom 3. April 2002) Und über seinen damaligen Co-Autor: "Hans Dieter Heilmann ... redet bzw. schreibt jedoch mit niemandem mehr darüber, leider." (e-mail vom 2. April 2002)

(9) Green, Martin: The von Richthofen Sisters. The Triumphant and the Tragic Modes of Love. New York: Basic Books 1974;
Else und Frieda. Die Richthofen-Schwestern. Aus dem Amerikanischen von Edwin Ortmann. München: Kindler 1976

(10) Green: Die Richthofen-Schwestern, a.a.O., S. 94

(11) ebd., S. 334f

(12) Hurwitz, Emanuel: Otto Gross - Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung. Zürich: Suhrkamp 1979 (und Frankfurt/M: Suhrkamp);
Hurwitz hebt allerdings hervor, dass er bereits 1967 (also vor Viesel und Green) durch einen Passus in der Freud-Biographie von Ernest Jones auf Gross aufmerksam geworden ist.

(13) ebd., S. 296, 93, 299, 295

(14) Dvorak, Josef: Kokain und Mutterrecht. Die Wiederentdeckung von Otto Gross (1877-1920). In: Neues Forum (Wien), Nr. 295/6, Juli/August 1978, S. 52-61 (mit dok. Anhang S. 62-68);
Dvorak lässt beiläufig einfliessen, er habe sich "zum erstenmal" schon 1948 mit Gross befasst.

(15) Michaels, Jennifer: Anarchy and Eros. Otto Gross' Impact on German Expressionist Writers: Leonhard Frank [et al.]. Bern: Verlag Peter Lang 1983

(16) ebd., zu Stirner S. 76-79; zu Reich S. 66-70

(17) Gross, Otto: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. Hg. v. Kurt Kreiler. Frankfurt/M: Robinson-Verlag, Edition Freitag 1980. Eine Neuauflage, mit einem Nachwort von Raimund Dehmlow, erschien 2000 bei Nautilus, Hamburg.

(18) wie Anm. 1

(19) Jacoby, Russell: Die Verdrängung der Psychoanalyse. oder: Der Triumph des Konformismus. Frankfurt/M: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1990 (US-orig. 1983), S. 59-65

(20) Fallend, Karl und Nitzschke, Bernd (Hg.): Der "Fall" Reich. Frankfurt/M: Suhrkamp (stw 1285) 1997; Neuauflage mit aktualisiertem Vorwort 2002 beim Psychosozial-Verlag, Giessen;
vgl. a. meinen Kommentar in Anm. 75

(21) vgl. dazu Gross' Bemerkungen in seinen frühen Artikeln und seinen Brief an den Philosophen Alexius Meinong vom 16. Juli 1902, abgedruckt in: Gottfried Heuer, Auf verwehten Spuren verschollener Texte. Verlorene, wieder gefundene und neu entdeckte Schriften von Otto Gross. In: 1. Internationaler Otto-Gross-Kongress Berlin. Hg. v. Raimund Dehmlow und Gottfried Heuer. Marburg: Verlag LiteraturWissenschaft.de 1999

(22) Brief von Erich Mühsam an Karl Kraus vom 16. Mai 1907. Zit. n. Chris Hirte: Erich Mühsam und Otto Gross. Auszüge aus Tagebüchern, Briefen und Publikationen Erich Mühsams. In: Anarchismus und Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 19, [Lübeck] 2000, S. 12-39 (12);
Freud in Wien konnte von dem Plan leicht erfahren haben, weil Mühsam auch noch Karl Kraus, Frank Wedekind, den Psychoanalytiker Fritz Wittels u.a. für das Projekt zu gewinnen suchte.

(23) Brief von Erich Mühsam an Sigmund Freud vom 28. Mai 1907. Zit. n. Hirte, a.a.O., S. 12-14

(24) vgl. Sigmund Freud - C.G. Jung: Briefwechsel, hg.v. William Mc Guire und Wolfgang Sauerländer. Frankfurt/M: S. Fischer 1974 (engl. 1974); auf Jungs Mitteilung vom 11. Sept. 1907 über Gross' "energisches" Eintreten für Freud geht dieser in seiner Antwort vom 19. Sept. gar nicht ein.

(25) Otto Gross: Das Freud'sche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins. Leipzig: Vogel 1907

(26) Freud-Jung-Briefe, a.a.O.; Jung an Freud am 28. Juni 1907, Freud an Jung am 1. Juli 1907

(27) Hurwitz, a.a.O., schreibt S. 303, Jung habe Gross erst auf dem 1. Internationalen Kongress für Psychiatrie, Neurologie und Psychologie (Amsterdam, 2.-7. Sept. 1907) persönlich kennengelernt, auf S. 302 aber auch, dass Gross sich im Jahre 1902 in der Zürcher Anstalt "Burghölzli", wo Jung tätig war, zu einer Entziehungskur aufhielt. Ein Brief Jungs an Freud vor dem 1. Juli 1907, in dem vom "abnormen Gefühlsleben" Gross' die Rede ist, ist im Briefwechsel Freud-Jung nicht abgedruckt.

(28) Sam Whimster, Gottfried Heuer: Otto Gross and Else Jaffé and Max Weber. In: Theory and Culture, Special Issue on Love and Eroticism (London), Vol. 15 (1998), Nos. 3-4, pp. 129-160 (150)

(29) Stirner war in den 1890er Jahren nach einem halben Jahrhundert Verschollenheit wiederentdeckt worden, merkwürdigerweise erst, nachdem Nietzsche gleichsam über Nacht zu glanzvollstem Ruhm gekommen war. Alle, zähneknirschend insgeheim auch die wenigen Stirner-Adepten, waren von Nietzsches Überlegenheit über Stirner überzeugt oder wagten sie jedenfalls nicht ernsthaft in Frage zu stellen. Einem radikal denkenden psychologischen Kopf wie Otto Gross wäre zuzutrauen, dass er zumindest den Verdacht fasste, dass der Nietzsche-Kult als Stirner-Abwehr fungierte. Vgl. zu diesem Thema meine Arbeiten:
1) Ein heimlicher Hit. Eine kurze Editionsgeschichte von Stirners »Einzigem«. Nürnberg: LSR-Verlag 1994;
2) Ein dauerhafter Dissident. Eine kurze Wirkungsgeschichte von Stirners »Einzigem«. Nürnberg: LSR-Verlag 1996;
3) Dissident geblieben. Wie Marx und Nietzsche ihren Kollegen Max Stirner verdrängten und warum er sie geistig überlebt hat. In: DIE ZEIT, Nr. 5, 27. Januar 2000, Seite 49;
4) Den Bann brechen! Max Stirner redivivus. Wider Marx, Nietzsche et al. Teil 2: Über Nietzsche und die Nietzscheforschung. In: Der Einzige. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr. 4 (12), 3. November 2000, S. 17-23
5) Nietzsches initiale Krise. Die Stirner-Nietzsche-Frage in neuem Licht. In: Germanic Notes and Reviews. Vol. 33, Nr. 2 (Fall/Herbst 2002), pp. 109-133

(30) Brief Jung an Ernest Jones vom 25. Feb. 1909. Zit.n. Gottfried Heuer: Jung's Twin Brother. Otto Gross and Carl Gustav Jung. In: Journal of Analytical Psychology, 46 (2001), pp. 655-688 (668/681)

(31) Und nicht erst, wie in der Gross-Literatur des öfteren zu lesen, 1930 mit »Das Unbehagen in der Kultur«;
Sigmund Freud: Die 'kulturelle' Sexualmoral und die moderne Nervosität. In: Sexual-Probleme [Mutterschutz, N.F.], Band 4, Nr. 3 (März 1908), S. 107-129

(32) Brief Freud an Jung vom 30. Juni 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(33) Die Frage des Brudermords wirft Gottfried Heuer auf in: Heuer, Jung's Twin Brother, a.a.O., p. 671

(34) Brief Gross an Fritz Brupbacher, undatiert [1912]; abgedruckt bei Hurwitz: Otto Gross, a.a.O., S. 109-110

(35) Otto Gross: Ludwig Rubiners »Psychoanalyse«. In: Die Aktion, Jg. 3 (1913), Sp. 506-507

(36) Otto Rank: Bericht über die I. Private Psychoanalytische Vereinigung in Salzburg am 27. April 1908. In: Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde, Band 1 (1911), S. 125-129

(37) Jung hatte Freud beim Versand der Einladungen zum 2. Kongress 1910 gefragt, ob in der Adressliste jemand fehle. Darauf Freud am 13. Feb. 1910 (augenzwinkernd): "Von Auslassungen fällt mir höchstens Otto Gross ein, dessen Adresse ich aber nicht kenne."

(38) Otto Gross: Zur Überwindung der kulturellen Krise. In: Die Aktion, Jg. 3 (1913), Sp. 384-387 (384)

(39) zit. n. Sándor Ferenczi: Zur Erkenntnis des Unbewussten. Frankfurt/M 1989. S.63ff, 178ff

(40) Eine ungarische, also wenig bekannt gewordene Version erschien 1908; die deutsche erschien erstmals 1938 in Band III von Ferenczi: »Bausteine zur Psychoanalyse«

(41) Briefwechsel Sigmund Freud - Sándor Ferenczi, hg. v. Eva Brabant et al. Wien/Köln/Weimar: Böhlau-Verlag 1993, 1996

(42) Nur der von der Freud'schen Schule abtrünnige Wilhelm Stekel brachte eine Notiz in einer kurzlebigen amerikanischen Zeitschrift unter (Psyche and Eros, New York, vol. 1 (1920), p. 49; Stekel, der Gross 1914, nach dessen Entlassung aus einer Irrenanstalt in Therapie hatte, sagt zwar, dass die Einweisung aufgrund einer falschen Diagnose (dementia praecox) erfolgt war, aber er verschweigt sowohl, dass diese von Jung stammte, als auch, dass dieser zusammen mit Freud und Gross' Vater die treibenden Kräfte hinter Gross' Internierung waren. Grob irreführend ist natürlich auch Stekels kompensierende Lobpreisung, dass mit Gross eine "grosse Hoffnung der Psychoanalyse gestorben" sei.

(43) Freuds humorige Formulierung, z.B. in einem Brief an Ferenczi vom 13. Dez. 1929

(44) Sándor Ferenczi: Rez. von Otto Gross' »Drei Aufsätze über den inneren Konflikt«. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Jg. 4, Heft 6 (1920), S. 364-368

(45) Sándor Ferenczi: Die Elastizität der psychoanalytischen Technik (1928). In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 14 (1928), S.197ff. Auch in ders.: Bausteine III, a.a.O, S.380ff.

(46) Ferenczi: Rez. Gross, a.a.O., S. 365; dieses Zitat stammt von Gross, der eben diese Annahme als "nicht möglich" bezeichnet. Ferenczi konnte angesichts dessen "sein Staunen darüber nicht unterdrücken, dass auch ein so scharfsinniger Forscher wie Gross plötzlich alles vergessen" könne, so "als hätte er von Freud nie eine Zeile gelesen." In Wahrheit hatte freilich Ferenczi alles "vergessen", was er 1908 am Salzburger Kongress vertreten hatte.

(47) Brief Freud an Jung vom 1. Juli 1907. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(48) Brief Freud an Jung vom 21. Juni 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.: Freud bedankt sich bei Jung "ausserordentlich intensiv ... für die Behandlung von Otto Gross nämlich, die ja mir hätte zufallen sollen und gegen die sich mein Egoismus - vielleicht doch eher meine Notwehr - gesträubt hat."

(49) Brief Jung an Freud vom 25. Mai 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(50) Brief Jung an Freud vom 19. Juni 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(51) Briefe Freud an Jung vom 21. und 30. Juni 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(52) Brief Jung an Freud vom 19. Juni 1908. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.

(53) Brief Jung an Freud vom 19. April 1911. In: Freud-Jung-Briefe, a.a.O.; Carl Gustav Jung: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Band I, 1. Hälfte, 1909, S.156;
Jungs kurzer Hinweis auf "eine gemeinsam mit Dr. Otto Gross durchgeführte Analyse", den Gross offenbar als seinem Anteil am Gehalt nicht angemessen empfand, ist in Jungs »Gesammelten Werken« (Band 4, Abs. 695) getilgt.

(54) Brief Jung an Fritz Wittels vom 4. Jan. 1935 [1936]. Orig.: ETH Zürich, C.G.Jung-Archiv. Zit. n. Heuer, Jung's Twin Brother, a.a.O., p. 670/681f

(55) wie Anm. 28

(56) Brief Max Weber an Else Jaffe vom 13. Sept. 1907. In: Max Weber. Gesamtausgabe. Band II/5. Briefe 1906-1908. Tübingen: J.C.B. Mohr 1990, S. 393-403

(57) Viesel, a.a.O., S. 10, 7, 11

(58) Bernd A. Laska: "Katechon" und "Anarch". Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner. Nürnberg: LSR-Verlag 1997 (»Stirner-Studien«, Band 3)

(59) Auch die in Anm. 6 zitierte Passage, wonach Schmitt Gross als "heutigem Anarchisten" gegenüber prominenten Anarchisten (er nennt Proudhon, einen "moralistischen Kleinbürger") "ein stärkeres Bewusstsein der tiefsten Zusammenhänge" bescheinigt, deutet darauf hin, dass Schmitt Gross als einen Krypto-Stirnerianer ansah.

(60) In: Der Sozialist, Jg. 3, Nr. 13, (Juli 1911), S. 104 (Fn.)

(61) Brief Gross an Fritz Brupbacher [1912]; abgedruckt in Hurwitz, a.a.O., S. 109-110

(62) Fritz Brupbacher: Notiz. In: Polis (Zürich), Jg. 2, Nr. 2 (1908), S. 22

(63) Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen [1927]. Hamburg: Edition Nautilus 2000, S. 95;
ders.: Drei Bücher zur Seelenforschung. In: Berliner Tageblatt (Berlin), Jg. 62, Nr. 97, 26. Feb. 1933 (Sonntagsausgabe); wieder veröffentlicht in: Mühsam-Magazin (Lübeck), Heft 6, Februar 1998, S. 41-44

(64) Franz Jung: Der Weg nach unten. Hamburg: Nautilus o.J. [1985], S.85 (Erstausg. 1961)

(65) Otto Gross: Über Destruktionssymbolik. In: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie (hg. von [dem Freud-Abtrünnigen] Wilhelm Stekel), Jg. 4 (1914), Heft 7/8, S. 525-534 (533)

(66) vgl. Laska, Dissident, a.a.O. (Anm. 29)

(67) Otto Gross: Vom Konflikt des Eigenen und Fremden. In: Die freie Strasse (Berlin), Nr. 4 (1916), S. 3-5, Neuabdruck in Kreiler (Hg.), a.a.O., S. 27-31

(68) Josef Berze / Dominik Klemens Stelzer: Befund und Gutachten...über den Geisteszustand des...Dr. Otto Gross... (1913). Erstmals veröffentlicht in: Gegner. Monatsschrift (Berlin), Heft 3 (Dez. 1999 - Feb. 2000), S. 24-36 (24).
Die gutachtenden Psychiater Berze und Stelzer waren gerichtlich beeidete Sachverständige für Psychiatrie. Sie sind auf Wunsch des Vaters von Otto Gross, des prominenten Kriminologen Professor Hans Gross, bestellt worden. Hans Gross hatte zuvor seinen Sohn in Berlin verhaften und in eine Irrenanstalt bei Wien bringen lassen, um nun dessen Entmündigung zu betreiben.

(69) So soll Gross unmittelbar vor der soeben zitierten Stelle gesagt haben: "Der eigentliche Konflikt in der Persönlichkeit ist der zwischen dem angeborenen Wesen und dem Willen zu sich selbst." Das ist ein offenkundiges Missverständnis der Gutachter.

(70) Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Berlin: Fanal-Verlag 1929, S. 10

(71) Dieter Lehner: Individualanarchismus und Dadaismus. Stirnerrezeption und Dichterexistenz. Frankfurt/M u.a.: Verlag Peter Lang 1988, S. 16;
vgl. dort auch ein Kapitel über Otto Gross: S. 187-193

(72) Nietzsche hat die Spuren seiner Kenntnis Stirners mit grosser Sorgfalt verwischt - wodurch sie aber nur interessanter werden. Vgl. dazu die in Anm. 29 genannte Literatur, vor allem 4) und 5).

(73) Wilhelm Reich: Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie 1897-1922. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994 (engl. Übers. 1988), S. 191

(74) Wilhelm Reich: Libido-Konflikte und Wahngebilde in Ibsens »Peer Gynt«. In: ders.: Frühe Schriften I. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1977 (engl. Übers. 1975), S. 19-77 (70)

(75) vgl. dazu Karl Fallend / Bernd Nitzschke (Hg.): Der "Fall" Reich. Frankfurt/M: Suhrkamp 1997.
Dieses Buch, dessen Beiträge überwiegend von heutigen Linksfreudianern stammen, hat massgeblich dazu beigetragen, dass zwei Gutachter, die der Vorstand der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) aus den eigenen Reihen bestellt hat, zu dem Ergebnis kamen, dass Reichs Ausschluss 1934 "politisch motiviert" gewesen sei und demzufolge "zu Unrecht" geschah. (Vgl. dazu das von Fallend und Nitzschke verfasste Vorwort zur Neuausgabe des Buches 2002 im Giessener Psychosozial-Verlag). Kritiker und Offizielle sind sich also heute darin einig, dass Reich im Zuge des politischen Lavierens der von Freud geführten Psychoanalyse gegenüber der deutschen NS-Regierung geopfert worden sei (als angeblich in Berlin "stadtbekannter Kommunist" und Psychoanalytiker).
Damit darf der "Fall" Reich aber keineswegs, wie suggeriert, als abgeschlossen betrachtet werden. Aber nicht der Kampf um die postume Wiederaufnahme Reichs in die Reihen der Psychoanalytiker - die gefordert und von den Offiziellen, zu Recht, abgelehnt wurde - sollte auf dem Programm stehen, sondern endlich die durch die politischen Querelen nur verdeckte grundsätzliche Dimension des Konflikts Freud/Reich.
Vgl. https://www.lsr-projekt.de/wrfall.html

(76) O[tto] K[aus]: Mitteilungen. In: Sowjet, Jg. 1, Heft 8/9, 8. Mai 1920, S. 53-57

(77) Reich, Leidenschaft..., a.a.O., S. 194

(78) Fritz Wittels wurde von Abraham Brill (beide der Psychoanalyse seit ihren Anfängen verbunden) an Carl G. Jung verwiesen, weil er eine Antwort auf folgende Frage haben wollte: "Worin bestand eigentlich sein [Gross'] Genius, von dem so Viele reden, die ihn gekannt haben?" (Brief Wittels an Jung vom 20. Dez. 1935; Orig.: ETH Zürich, Wissenschaftshistorische Sammlungen, Nr. Hs 1056:3716; rückübersetzt nach Zitat in Heuer, Jung's Twin Brother, a.a.O., p. 669)

(79) Otto Gross: Die Psychoanalyse oder: Wir Kliniker. In: Die Aktion 3(1913), Sp. 632-634 (633)

(80) wie Anm. 35

(81) Otto Gross: Über psychopathische Minderwertigkeiten. Wien/Leipzig: Wilhelm Braumüller 1909, S. 61f. (vgl. Freuds ironischen Kommentar an C.G. Jung, zit. in Kap. 4.1.1)

(82) wie Anm. 65, S. 530

(83) beginnend mit dem Artikel »Elterngewalt« (Die Zukunft, Jg. 17, Bd. 65, 10. Okt. 1908, S. 78-80), fortgesetzt ab 1913 mit einer Reihe von kurzen Artikeln in versch. Zeitschriften (s. Bibliographie n. Anm. 1)

(84) zit. n. der von Kreiler hg. Sammlung (Anm. 17); S. 27

(85) ebd., S. 10

(86) Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Max Stirner. https://www.lsr-projekt.de/msnega.html; Erstveröffentlichung unter dem Titel »Max Stirner als 'pädagogischer' 'Anarchist'« in: Anarchismus und Pädagogik. Studien zu einer vergessenen Tradition, hg. v. Ulrich Klemm. Frankfurt/M: dipa-Verlag 1991, S. 33-44;
Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Wilhelm Reich.
https://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

(87) Literatur zur Stirner-Rezeption s. Anm. 29; zum "Fall" Reich vgl. Hinweise in Anm. 75

(88) Vgl. meine Einleitungen zu den 4 Bänden der deutschen Werkausgabe von La Mettrie. Nürnberg: LSR-Verlag 1985-87; auch unter https://www.lsr-projekt.de/lm.html

(89) In Kürze dazu vgl. Bernd A. Laska: Dissident geblieben. Wie Marx und Nietzsche ihren Kollegen Max Stirner verdrängten und warum er sie geistig überlebt hat. In: DIE ZEIT, Nr. 5, 27. Januar 2000, Seite 49; für weitere Ausführungen vgl. Anm. 29

(90) Zu nennen sind hier nur Otto Fenichel und Theodor W. Adorno, zwei hochkarätige Kenner der Psychoanalyse und jedenfalls des "Falles" Reich, deren kurze, diesbezügliche Passagen in kurz vor ihrem Tod verfassten Texten für unsere Problematik sehr aufschlussreich sind: vgl. https://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

(91) Otto Gross: Zur Orientierung der Geistigen (1919); zit. n. der von Kreiler hg. Sammlung (Anm. 17); S. 34

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